Unter Tage in Überlingen

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Heidi Friedrich

Ein Besuch in dem Stollen am Bodensee führt in ein dunkles Kapitel deutscher Geschichte.

Als das Tor des Stollens mit einem Knall hinter uns zufällt, wird es an diesem sommerlichen Nachmittag plötzlich kühl und dunkel. Sporadisch angebrachte Neonleuchten und Taschenlampen weisen ab jetzt den Weg. Warm angezogen folgen 85 Besucher jeden Alters heute Thomas Hirthe kilometerweit durch die unterirdischen Gänge und Hallen, zwischen zehn und 60Metern unterhalb der Goldbacher Straße und der Säntis-Straße in Überlingen. Der Geschäftsführer einer Kommunikationsagentur führt regelmäßig ehrenamtlich durch die Stollenanlage, die Häftlinge des damaligen Konzentrationslagers Aufkirch zwischen dem Herbst 1944 und April 1945 in den weichen Molasse-Felsen direkt am Seeufer schlagen und sprengen mussten. Mindestens 222 der Häftlinge starben während dieser Zeit vor Ort an Entkräftung oder wurden von der SS, teilweise unter dem Einsatz von Bluthunden, ermordet. „Ich finde es sehr wichtig, die Erinnerung daran wachzuhalten, wie die Nazis damals Menschen behandelt haben. Als abschreckendes Beispiel für die Gegenwart und Zukunft und als Mahnung zur Toleranz“, sagt Hirthe.

Die Besuchergruppe wandert langsam von Station zu Station dieser unterirdischen Gedenkstätte. In Abständen von etwa 200 Metern bezeugen historische Fototafeln die Geschichte des Stollens und der Menschen, die dort unter größten Strapazen in zwei Zwölf-Stunden-Schichten ohne Pause, ohne Essen und ohne Trinken, ohne Lüftung, Arbeits-, Atem- oder Lärmschutz schuften mussten, und das im strengen Winter. Als 1944 die in Friedrichshafen angesiedelten Unternehmen Luftschiffbau Zeppelin, Maybach, Dornier und Zahnradfabrik von den Alliierten bombardiert worden waren, sollten sie wegen ihrer kriegswichtigen Rüstungsproduktion an einen bombensicheren unterirdischen Ort verlagert werden. Dafür konzipierte man die Stollen.

Heutige Besucher kommen mit unterschiedlichen Interessen. Bernd Schauberger aus Schlüchtern, der mit seiner Familie Urlaub am Bodensee macht, interessiert sich eher für die geologischen Besonderheiten des Stollens, seine Frau ist da emotionaler: Sie hat ein „mulmiges Gefühl in dieser Höhle“, immerhin starben hier Menschen. Den Sohn Nico interessiert die Geschichte des Ortes: „Ich erlebe zum ersten Mal das live, was ich über den Holocaust im Geschichtsunterricht gelernt habe“, sagt der Neuntklässler. „Dann habe ich etwas in der Schule zu erzählen, wenn ich zurückkomme“, sagt der Gymnasiast. Die KZ-Häftlinge, die im Stollen gearbeitet haben, waren zwar keine Juden, aber von den Nazis als „politisch“, „asozial“ oder „kriminell“ eingestufte Gefangene.

Bei jedem weiteren Schritt auf dem fein-kieseligen Untergrund durch das nachtdunkle Gewölbe spürt man nicht nur die kühlen zwölf Grad Lufttemperatur, sondern auch die hohe Luftfeuchtigkeit, die zwischen 92 und 99 Prozent schwankt. Immer wieder tropft es von der nassen Stollendecke herunter. Wenn es ganz still ist, hört man um sich herum Wasser fließen, das nach unten drückt.

Auf insgesamt 3,6 Kilometern ist die Stollenanlage heute noch begeh- und teilweise befahrbar. Ursprünglich gab es acht Eingänge zu drei Längs- und 17 Querstollen, deren Kreuzungspunkte hallenförmig ausgebaut waren. Das Bauvorhaben mit dem Decknamen „Magnesit“, dessen Ausmaß nach Hitlers Anordnung innerhalb von 100 Tagen 40000 Quadratmeter hätte betragen sollen, wurde nie fertiggestellt. Zur Produktion von Rüstungsgütern kam es nicht. Am 22. April 1945 wurde die Arbeit an der Anlage wegen der nahenden französischen Truppen eingestellt. Die russischen, polnischen, italienischen, österreichischen und deutschen KZ-Häftlinge wurden wieder in Richtung des damaligen Konzentrationslagers Dachau getrieben, von wo man sie ursprünglich hergeholt hatte.

Nach dem Krieg sprengten die französischen Besatzungssoldaten große Teile der Stollen. Die geologischen Verhältnisse werden wegen des Risikos der Gebirgsauflockerung und Einsturzgefahr seither ständig kontrolliert.

Eindrucksvolles Erlebnis

Ein Aufatmen, als das Tor zum helllichten Tag mit dem sonnigen Blick auf den Bodensee wieder aufgeht. „Dieses Erlebnis hat mich jetzt ganz schön belastet, aber ich bereue es nicht“, sagt Carola Essig aus Weissach. Auch im Urlaub möchte sie sich immer einen ganzheitlichen Blick von dem Ort verschaffen, an dem sie sich aufhält. Sie stimmt mit Hirthe überein: „Man muss allem Bösen entgegenwirken. Das ist ja auch gerade jetzt wieder sehr aktuell.“

Führungen gibt es im August und September jeden ersten und dritten Freitag im Monat um 17 Uhr (Dauer etwa eineinhalb bis zwei Stunden). Danach jeden ersten Freitag im Monat.

Eingang: Alte Bahnhofstraße 30, Überlingen.

Eintritt frei. Spende für den Verein „Dokumentationsstätte Goldbacher Stollen und KZ Aufkirch in Überlingen e.V.“ ist erbeten.

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