Unheilbar krank und trotzdem optimistisch

Lesedauer: 7 Min
Für sein Buch „Endlich mal was Positives“ ist Matthias Gerschwitz ausgezeichnet worden.
Für sein Buch „Endlich mal was Positives“ ist Matthias Gerschwitz ausgezeichnet worden. (Foto: Tanja Schnitzler)
Schwäbische Zeitung
Michael Santen

Matthias Gerschwitz ist seit 21 Jahren mit HIV infiziert und versucht, das Beste daraus zu machen.

Sein Tag X, wie er ihn nennt – er ist lange her. Am 13. Januar sind es schon 21 Jahre. Aber Matthias Gerschwitz (55) erinnert sich an diesen kalten, tristen Donnerstag Anfang 1994, als wäre es letzte Woche gewesen. „Ich fühlte mich unwohl, etwa eine Woche lang ging das schon so“, berichtet der Rheinländer, der kurz nach der Wende nach Berlin gezogen war. Hier verdiente er damals sein Geld als Publikumsbetreuer und Stimmungsmacher bei TV-Talkshows. Heute ist der studierte Kommunikationswirt als freier PR- und Werbe-Experte tätig. „Ich hatte mir im Branchenbuch einfach einen Arzt um die Ecke rausgesucht und bin zu ihm in die Praxis.“

Der Patient Gerschwitz wurde untersucht – ohne greifbares Ergebnis. „Tja, da müssen wir mal das Blut checken“, schlug der Arzt vor. „Da schoss es mir spontan durch den Kopf“, erinnert sich Gerschwitz. „Ich sagte ihm, er solle einfach mal etwas mehr abzapfen, damit man gleich einen HIV-Test machen könne.“

Aufs Glück vertraut

Der Arzt fragte nicht nach, er erfüllte einfach den Wunsch des Patienten. Vielleicht war ihm das Nachfragen peinlich. Hätte es aber nicht sein müssen – Matthias Gerschwitz steht dazu, dass er homosexuell ist, dass er dieser Hauptrisikogruppe (neben den Drogenabhängigen) angehört. „Obwohl ich wusste, wie gefährlich es ist, hatte ich mich beim Sex nur halbherzig geschützt – mal ja, mal nein, je nach Situation und Laune“, gesteht Gerschwitz. „Ich war in meinem Leben immer auf die Füße gefallen. Und so hab’ ich auch hier auf mein Glück vertraut.“

Als eine Woche später das positive Testergebnis kam und ihn „wie einen Donnerschlag traf“, wurde ihm klar, wie unverantwortlich seine Einstellung gewesen war. Denn an der Krankheit Aids, die erst ausbricht, wenn das Immunsystem des HIV-Infizierten zusammenbricht, starben noch 2013 etwa 550 Menschen in Deutschland. Nach Schätzungen des Robert-Koch-Instituts leben bundesweit etwa 80 000 Menschen mit dem HI-Virus. Und jedes Jahr kommen trotz aller Aufklärungskampagnen, Warnungen und Appelle viele neue Fälle dazu, allein 2013 waren es 3500.

Man kann die HIV-Infektion durch eine Therapie in Schach halten – sie heilen kann man bis heute nicht. Die Infektion hat, wie Gerschwitz sarkastisch sagt, „ein lebenslanges Wohnrecht“.

Umso erstaunlicher, dass HIV und Aids im öffentlichen Bewusstsein scheinbar den Rückzug angetreten haben. Matthias Gerschwitz hat dafür heute kein Verständnis: „Es ist wirklich erschreckend, was ich zu dem Thema alles höre und in Internetforen lese. Diese Gleichgültigkeit ist unfassbar.“ Deshalb hat er seinen seit 21 Jahren währenden Alltag mit dem Virus, mit der täglichen Einnahme von Tabletten (am Anfang über 30, heute nur noch neun), mit den vier Blutuntersuchungen pro Jahr und der Angst vor einer neuen, schlechten Nachricht niedergeschrieben – offensiv und optimistisch: „Endlich mal was Positives“ hat er sein Buch augenzwinkernd genannt. „Natürlich ist an der Krankheit erst mal nichts positiv“, erklärt er. „Aber es kommt doch darauf an, wie ich mit ihr umgehe und ob ich mich von ihr unterkriegen lasse. Und das tue ich nicht. “

Tränen der Freude

Gerschwitz schildert Reaktionen von Kollegen und Chefs. Von denen, die sich aus Angst vor Ansteckung entsetzt und angewidert von ihm abgewendet haben, und von denen, die ihm jede Hilfe und sogar eine feste Anstellung in einer TV-Redaktion anboten, für die er seinerzeit freiberuflich gearbeitet hatte. „Das tat unglaublich gut, da hatte ich Tränen der Freude in den Augen!“

Er erzählt auch, wie nach einer von ihm betreuten Talkshow mit Krebs- und Aidskranken deren Angehörige wütend aufeinander losgegangen sind. „Aids kriegt man nicht, Aids holt man sich“, hatte das Lager der Krebskranken gewettert, empört darüber, mit Leuten, die die „Schwulenseuche“ haben, in derselben Sendung auftreten zu müssen.

Fragt man Matthias Gerschwitz, wie er sein Schicksal heute meistert, strahlt er übers ganze Gesicht und sagt: „In aller Kürze: Pillen nicht vergessen und positiv denken! Es ist bewiesen, dass eine positive Lebenseinstellung den Umgang mit einer unheilbaren Krankheit günstig beeinflusst. Und dann sagt er laut lachend: „Mein Körper ist ‚positiv’, da dachte ich mir, hey, warum soll nicht auch der Rest von mir so sein?“

Bei den „Münchner Aids-Tagen“ bekam der Wahl-Berliner den „Annemarie-Madison-Preis“ verliehen, benannt nach der 2010 im Alter von 89 Jahren in San Francisco verstorbenen Aidsaktivistin. In der Begründung heißt es: „Die Leser des Buches von Matthias Gerschwitz erhalten Einblicke in das Leben eines Betroffenen, der eindrucksvoll aufzeigt, dass man mit HIV das Lachen nicht verlernen muss und mit einer unheilbaren Krankheit durchaus zukunftsorientiert leben kann. Dafür gebühren ihm Respekt und Dank!“ Seit 2010 ist Gerschwitz auch als Botschafter des Bundesgesundheitsministeriums für den Welt-Aids-Tag (1.Dezember) aktiv, hielt bundesweit schon über 150 Lesungen in Schulen und Jugendzentren ab.

Matthias Gerschwitz, „Endlich mal was Positives“, 96 Seiten, 9,95 Euro

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen