Udo Samel glänzt in Konwitschnys „König Lear“

Lesedauer: 6 Min
Deutsche Presse-Agentur

Die bunte Show von der großen Liebe der Töchter zum König, sie geht gründlich daneben: Da verweigert doch glatt die Jüngste, einst Liebste, das salbungsvolle Schmeicheln - und der König, der sich nach den Lobliedern der Älteren noch eine Steigerung erwartet hat, ist beleidigt.

Beleidigt bis zur besinnungslosen Wut. Es ist ein kindlich-närrischer König Lear, den Udo Samel im Grazer Schauspielhaus über die Bühne toben, tapsen und tollen lässt, und in seiner kindlichen Maßlosigkeit auch so gefährlich. In Peter Konwitschnys Inszenierung des düsteren Shakespeare-Dramas wird er zum clownesken Zentrum einer absurden Apokalypse, in der jeder gegen jeden kämpft. Das Premierenpublikum am Dienstagabend zeigte sich beeindruckt und bedachte Regisseur und Ensemble mit viel Applaus.

Mit seinem freien Entschluss, gegen einen verbalen Liebesbeweis sein Reich unter den Töchtern aufzuteilen, löst Lear eine Kaskade von Katastrophen aus. Eben hat er noch Gefolgsleute, Töchter und Hoheiten zum Narren gehalten, indem er eine ihm gleichende Puppe vom Balkon stürzen lässt, da wird er schon selbst zum Narren, der vom Thron stürzt. Er will die Macht abgeben und hält doch daran fest, umgeben von anderen Machtbesessenen, die einander misstrauen und in den Rücken fallen.

Konwitschny, der mit seinen polarisierenden Operninszenierungen weit über den deutschen Sprachraum hinaus gewirkt hat, widmet sich mit „König Lear“ erstmals seit vielen Jahren wieder dem Sprechtheater. Dass er nun gerade im österreichischen Graz ein vor Jahren entwickeltes Konzept zu Shakespeares düsterem Drama neu ausarbeitete und umsetzte, hat private Gründe, ist aber auch der Umtriebigkeit von Intendantin Anna Badora zuzuschreiben. Sie gewann den gefragten Regisseur für ihre Bühne und schürte damit hohe Erwartungen.

Die wurden nun mit der Premiere nur teilweise eingelöst. Konwitschny hat in der Tat gemeinsam mit dem einsatzfreudigen Ensemble eine unkonventionelle, vielschichtige Inszenierung entwickelt, die mit kräftigen Bildern besticht. Samel als kindlich- verspielter König bläst sich selbst die Fanfare, greift seinen Töchtern ans Dekolleté und terrorisiert sie mit seinem Spaß-Trupp an Gefolgsleuten. Jaschka Lämmert als Regan und Frederike von Stechow in der Rolle der ältesten Tochter Goneril umschleichen einander wie wilde Tiere und versöhnen sich vorübergehend beim Sektgelage.

Die klare Bühne von Jörg Koßdorff, der eine Rampe in den Zuschauerraum ragen lässt, die Schauspieler teilweise im Publikum platziert und auf der Bühne einen zusätzlichen Zuschauerraum schafft, unterstützt Konwitschnys Konzept, der das im Mittelalter angesiedelte Stück als Vorgriff auf die Moderne versteht. Zunächst im historischen Kostüm, später in Business-Anzügen und schließlich in Alltagskleidung (Kostüme: Michaela Mayer-Michnay) vollziehen die Darsteller auch eine Zeitreise, die ins Heute führt.

Vor allem im ersten Teil entwickelt der Abend so große Dichte und überzeugendes Tempo und wird auch von Konwitschnys starker Musikalität getragen. Das Nebeneinander manchmal zusammenhanglos scheinender Bilder führt jedoch mitunter ins Leere. Da werden die jüngste Königstochter Cordelia (Sophie Hottinger) und der König von Frankreich (Ionut Chiriac rpt Ionut Chiriac) zu Guerilla-Kämpfern im Camp, und irgendwann doppelt sich die Szene: die liebende Tochter und der irre gewordene Vater finden auf einer Projektion in Seifenoper- Manier zueinander, während auf der Bühne von Versöhnung und Verzeihung keine Spur ist.

Wenn sich dann die Bühne auf eine Flucht grauer Wände reduziert, auf dem bloße Projektionen, schließlich bloße Begriffe wie „Heide“ den Ort bezeichnen und am Ende gar die abgeschminkten Schauspieler mit langen Pausen nur mehr Textfragmente von sich geben, schließt sich der Bogen von Shakespeare zu Beckett. Ein in sich schlüssiger Kunstgriff, der dem Abend nach fast vier Stunden allerdings auch den Schwung und die Dichte nimmt.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen