Tote Dose beim Laden des Porsche Panamera e-hybrid

Redakteurin

Klimawandel hin, Spritpreise her – wenn Porsche einen nagelneuen Panamera 4 e-hybrid zu Testzwecken auf den Hof stellt, dann kann man sich ein (vor-)freudiges Lächeln nicht verkneifen. So ein schönes Auto! Fünf Meter lang und zwei Meter breit, langer Radstand, kürzerer Überhang vorn und der längere hinten, Glasdach, die typische Taille – Silhouette und Proportionen sind unverkennbar Porsche. Die Platinum Edition setzt noch LED-Matrix-Scheinwerfer, Design-Heckleuchten, schwarze Sport-Endrohre, eine carraraweise Metal-liclackierung sowie eine dunkle „Privacy“-Verglasung obendrauf.

Rund eine Stunde dauert allein die Schnelleinweisung in dieses Wunderwerk der schwäbischen Ingenieurskunst. Da sind die Massagesitze (Zitat des Anlieferers: „Wunderbar! Unbedingt aktivieren!“) und die elektronischen Helfer wie Parkassistent und Rückfahrkamera, Spurwechselassistent, Spurhalteassistent und Verkehrszeichenerkennung. Es gibt den Tempostat, das Achtgang-Doppelkupplungsgetriebe von ZF mit Betätigung über Paddles am Lenkrad oder über den Wahlhebel sowie die Automatik. Und es gibt die verschiedenen Fahrmodi E-Power, Hybrid Auto, Sport und Sport plus. Nicht zu vergessen das Porsche- Communications-Management im Touchscreen, das das Smartphone mit dem Auto verbindet und neben den Apps auch Navigation, Radio, Sound, Klima und noch so einiges mehr steuert. Längst wird nicht mehr getippt, sondern per Spracherkennung agiert. So geht Auto 2022.

Segeln, Rekuperieren, Boostern

Eigentlich wollte man nicht ins Weltall fliegen, sondern nur gepflegt reisen und dabei dank des 100-kW-Elektromotors (136 PS) noch nicht einmal ein schlechtes Gewissen haben – aber die rund 150 000 Euro Kaufpreis (Grundpreis 125 000 Euro) müssen ja irgendwo verbaut sein. Bekanntlich gewöhnt man sich an Luxus sehr schnell und schon bald fühlt man sich im Panamera ganz zu Hause; die neugierigen bis anerkennenden Blicke der meist männlichen Verkehrsteilnehmer vergrößern das Vergnügen noch.

Vieles ist intuitiv bedienbar und selbst Segeln, Rekuperieren und Boostern – Porsche für Fortgeschrittene – sind keine Fremdworte mehr. Während beim Segeln im Leerlauf Energie eingespart und beim Rekuperieren Energie beim Bremsen sogar rückgeführt wird, geschieht beim Boostern ungefähr genau das Gegenteil: Wem die ohnehin schon irrwitzige Beschleunigung des Luxusboliden von 0 auf 100 km/h in 4,4 Sekunden dank der zusammen 462 PS von Elektro- und Verbrennermotor noch zu lahm ist, kann mittels Knopfdruck kurzfristig die Rennstartfunktion Sport Response starten – sehr hübsch läuft dazu der Countdown von 20 auf 0 Sekunden im Display ab.

Über die hervorragenden Fahreigenschaften, die noble Innenausstattung, die bequemen Sitze und die perfekte Verarbeitung muss man bei diesem Wagen aus Zuffenhausen gar nicht erst reden – geschenkt. Entzückend ist auch das völlig geräuschlose Anfahren, wenn denn die 14,3-kWh-Batterie, die für rund 50 Kilometer ausreicht, noch etwas hergibt. Womit wir nahtlos beim unschöneren Teil dieses Testberichts wären. Um es gleich vorwegzunehmen: Es gelang während der gesamten Woche nicht, den Plug-in-Hybrid an einer öffentlichen Ladestation komplett mit Strom aufzutanken.

Schlechte Ladeinfrastruktur

Eine kleine Chronologie: Der erste Versuch in einem Gartencenter misslang, weil von zehn Ladesäulen neun (!) außer Betrieb waren. Am einzigen funktionierenden Anschluss lud ein Mini auf. Die Versuche Nummer zwei und drei in Fürstenfeldbruck liefen ins Leere, weil es kabellose Säulen waren und beim Testwagen der dazu notwendige sogenannte Typ-2-Stecker offensichtlich nicht zum Lieferumfang gehört.

Da E-Autofahrer aber kommunikative Zeitgenossen sind, wird uns ein Baumarkt empfohlen, „dort funktioniert es“. Und siehe da: Zum ersten Mal stellt sich ein Erfolgserlebnis ein. Das Kabel steckt, das bargeldlose Zahlen klappt, die LED-Anzeige blinkt grün. Anderthalb Stunden und einen langen Spaziergang später dann die Ernüchterung. Gerade mal sieben kWh weist die Anzeige aus. Das ist nicht mal halb voll.

Auch die Aktionen fünf, sechs, sieben und acht scheitern. Am Ammersee fehlt erneut der Typ-2-Stecker, am Olympiapark in München lässt sich die Offline-Säule auch nach dem Anruf bei der Hotline vom Betreiber Comfortcharge nicht wieder hochfahren und das Porschezentrum Olympiapark erlaubt nur das Energietanken eigener Autos. Am Bahnhof Leutkirch schließlich hat die Stromtankstelle die Anzeige ,no Signal‘ im Display. „Seit Monaten schon“, sagt ein Anwohner.

Kein Wunder also, dass nach 747 gefahrenen Kilometern der durchschnittliche Spritverbrauch 8,0 Liter beträgt. 2,3 Liter (nach WLTP) könnten es bestenfalls sein. Ganz zum Schluss klappt das Vollladen doch noch. Im eigenen Carport. Da gibt es einen fünfpoligen Starkstromanschluss. Und oh Wunder – eines der drei mitgelieferten Kabel passt.

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