Tilman Jens überzeugt sein Publikum

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Deutsche Presse-Agentur

Für sein Buch über seinen berühmten Vater, den Gelehrten Walter Jens, hat Tilman Jens reichlich Prügel eingesteckt: Vatermörder und Denunziant waren nur einige der Schmähtitel, die Rezensenten ihm gaben.

Als sich der Autor am Donnerstag in Tübingen zum ersten Mal bei einer Lesung dem Publikum stellte, war deshalb mit allem zu rechnen - aber dass der Abend zum persönlichen Triumph des Tilman Jens werden würde, hatte niemand vorhergesehen.

Das Buch „Demenz - Abschied von meinem Vater“ (Gütersloher Verlagshaus) geht schonungslos mit der Krankheit des Rhetorik-Professors Walter Jens um. Sein Sohn Tilman beschreibt, wie sein einstmals so scharfsinniger und wortgewaltiger Vater gewindelt wird und in sein Babyfon stammelt. Eine gute halbe Stunde las er am Donnerstagabend aus seinem Buch, dann gab es langanhaltenden Applaus.

„Ich habe mir geschworen, ihr Buch nicht zu kaufen und Ihnen für diese Unverschämtheit heute Abend die Meinung zu sagen“, setzte eine Zuhörerin an. „Aber ich bin total überrascht, dass so viel Wärme aus Ihnen heraus spricht.“ Zustimmendes Nicken im Saal. „Er beschreibt seinen Vater liebevoll und respektvoll. Dass er Windeln trägt, das ist halt so“, sagte eine andere Zuhörerin.

Tilman Jens fühlte sich mit seinem Buch vielleicht zum ersten Mal richtig verstanden. „Man hat mir vorher gesagt: Heute Abend werden Sie geschlachtet“, erzählte er nach der Lesung. „Stattdessen war es beglückend, so offen zu reden und so offen gefragt zu werden.“ Zum ersten Mal seit Wochen war Tilman Jens nicht in der Defensive.

Und das gerade in Tübingen, wo Walter Jens verehrt wird - und wo Tilman Jens wegen seiner verstörenden Beschreibung des siechenden Vaters besonders in Ungnade gefallen war. Viele der Zuhörer hatten den engagierten Professor selbst erlebt oder waren ihm bei Spaziergängen begegnet. „Ich hatte nie so einen netten Prüfer wie ihn“, berichtete einer seiner früheren Studenten. „Wir alle haben uns auf der Treppe gedrängt, um seine Vorlesungen hören zu können“, erzählte eine Frau.

Wer dieses Idealbild des Vorzeige-Intellektuellen antastet, verliert bei den Tübingern viel Sympathie. Das bekam sein Sohn Tilman bei der Lesung zunächst auch deutlich zu spüren. „Walter Jens war ein Mann von hoher Moral, von hoher Ethik, von hoher Wahrhaftigkeit“, schimpfte eine Frau. „Ich finde es nicht in Ordnung, solch intime Details über diesen Menschen zu schreiben.“ Tilman Jens konterte: „Viele verehren nur das intellektuelle Leitbild Walter Jens - aber nicht den Menschen.“ Auch das Sterben gehöre zur humanen Existenz - wer das nicht anerkenne, spreche dem Intellektuellen ab, zugleich ein humanes Leben zu führen, argumentierte der Autor. Die Tübinger folgten ihm - hießen es am Ende sogar gut, dass Tilman Jens das Thema Demenz aus der Tabu-Zone geholt hat.

Kritik entzündete sich aber auch an den Kapiteln, die Tilman Jens der Aufdeckung der NSDAP-Mitgliedschaft seines Vaters widmet. Er beschreibt ausführlich, wie sein Vater wegen Veröffentlichung dieses biografischen Details schwere Depressionen erlitt und um seinen Ruf als moralische Instanz fürchtete. „Vielleicht waren Sie sogar ganz froh, dass Ihr Übervater nun endlich eine Schwäche hatte“, warf ihm ein Zuhörer vor. Tilman Jens reagierte ungewohnt heftig: „Nein, nein!“, rief er laut. „Nicht jeder Prominenten-Sohn muss automatisch von ödipalen Komplexen getrieben sein. Ich habe unter meinem Vater nicht gelitten.“

Viele Zuhörer der Tübinger Lesung scheinen sich mit Tilman Jens versöhnt zu haben. Das war dem Autor wichtig. „Es ist schließlich meine Heimatstadt und die Stadt, die meinen Vater geprägt hat“, sagte er. Dem Verkauf des Buchs haben der Rummel und die harsche Kritik hingegen nicht geschadet. Wenige Wochen nach der Veröffentlichung liefert der Verlag im Moment die dritte Auflage aus.

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