Thüringer Wahlkämpfer erproben Twitter und Co.

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Deutsche Presse-Agentur

Vor dem anstehenden Wahlmarathon stürzen sich die Thüringer Parteien ins Internet. Frei nach dem Motto „Von Barack Obama lernen, heißt Siegen lernen“, versuchen sie, vor allem junge Wählerschichten im Netz anzusprechen.

Allerdings ist es kein leichtes Unterfangen, das Überangebot an technischen Spielereien in den Griff zu bekommen. Zudem stellt sich die Frage, welche Inhalte „rüberkommen“ sollen. „Für den Internet-Wahlkampf ist eine klare Botschaft nötig“, sagt der Jenaer Politologe Markus Lang. Und von einem eingängigen Slogan nach Obama-Vorbild „Yes, we can“ ist in Thüringen nichts zu sehen.

Klar ist den Parteien, dass eine mehr oder weniger aktuelle Homepage heute nicht mehr ausreicht. Dialog und Partizipation heißen deshalb die Zauberwörter, mit denen die Thüringer Grünen in den Internet-Wahlkampf ziehen. Sie profitieren von ihren überwiegend jungen, internet-erfahrenen Parteimitgliedern und Wählern. „Keiner will epische Texte oder lange Videos“, sagt Spitzenkandidatin Astrid Rothe-Beinlich. Ihre Wahlkampfseite ist multimedial und mit Plattformen wie StudiVZ und Facebook vernetzt. Dort ist sie bereits mit SPD-Chef Christoph Matschie befreundet. Insgesamt zielen die Grünen mit ihrer Kampagne auf Erstwähler.

„Die Scheu, Fragen zu stellen, ist im Internet geringer“, ist Rothe-Beinlich überzeugt. Diese Auffassung bestätigt Markus Lang von der Schiller-Universität in Jena. „Gerade junge Leute suchen über das Internet Wege, sich unkompliziert zu engagieren, ohne einer Partei beitreten zu müssen.“ Der Wissenschaftler hat den US-Wahlkampf analysiert und beobachtet die Strategien der deutschen Parteien im Internet. „Die CDU bietet auf ihrer Homepage eher Informationen als Teilhabe, während SPD und Grüne im Netz stärker auf die Einmischung ihrer Wähler setzen“, erklärt er.

Der Online-Auftritt der thüringer SPD lebt vor allem von ihrem Vorsitzenden Matschie, der den amerikanischen Wahlkampf verfolgt und auch darüber gebloggt hat. Mit Andreas Müller hat er sich einen Spezialisten ins Haus geholt. „Das Internet macht Politiker greifbarer und bindet Wähler stärker an Kandidaten“, sagt der Internet-Fachmann. Dabei zählen für ihn Videoclips und technische Spielereien zum Standard. Matschie twittert auch mit seinen Anhängern - das heißt, er „zwitschert“ ihnen Kurznachrichten aufs Handy, damit sie stets wissen, was er tut und was er denkt.

Bei der Linken ist der Internetauftritt auch vom Spitzenkandidaten Bodo Ramelow geprägt. Die Partei sieht darin allerdings kaum mehr als eine Spielerei. „Größere Wirkung als der Internet-Wahlkampf erzielt der Stand in der Fußgängerzone“, ist Landesgeschäftsführerin Kathrin Christ überzeugt. Für Aufbau und Pflege einer interaktiven Homepage steht ihr nur ein Mitarbeiter zur Verfügung. Deshalb sieht sie das Angebot vor allem als Informationsquelle. Einen Live-Chat mit Bodo Ramelow kann sie sich vorstellen - Diskussionsforen sind ihr dagegen zu pflegeintensiv.

Die CDU wiegelt ebenfalls ab. „Eine Hysterie im Internet wie um Barack Obama wird in Thüringen nicht ausbrechen“, sagt Landesgeschäftsführer Andreas Minschke. Bisher bietet die CDU- Homepage an Multimedia-Elementen mäßig unterhaltsame Videos von Reden und CDU-Veranstaltungen. Dazu Bildschirmschoner mit Jugendfotos populärer CDU-Politiker und den Liedtext zu „Thüringen, das sind wir“. In den kommenden Wochen soll sie allerdings runderneuert werden.

Vor allem die bürgerlichen Parteien haben das Problem, dass ihre Spitzenleute nicht so recht zum neuen Medium passen. „Im Internet kann ich meine Positionen nicht mit Schlips und im Anzug vertreten, das wirkt zu steif“, sagt Wissenschaftler Lang. Damit hat auch FDP- Generalsekretär Patrick Kurth zu kämpfen. „Zu unserem Spitzenkandidaten Uwe Barth passt die Duz-Ebene des Internets nicht so wie zu jüngeren Politikern.“ Auch er habe sich intensiv einarbeiten müssen, um glaubwürdig aufzutreten. Das ist dem Angebot noch deutlich anzumerken - und nicht nur seinem. Bis zu einem professionellen virtuellen Wahlkampf ist es noch ein langer Weg, denn der ungezwungene Zugang zu Twitter, Weblogs und Videoclips fehlt.

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