Teuflisch spannend: Alex Beers „Der dunkle Bote“

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«Der dunkle Bote»
Cover des Buches "Der dunkle Bote" von Alex Beer. (Foto: Limes Verlag / DPA)
Deutsche Presse-Agentur
Frauke Kaberka

Kriminalinspektor August Emmerich und sein Assistent Ferdinand Winter sind ratlos: Ein scheinbar unbescholtener Mann wird ermordet aufgefunden: nackt, mit einer Eisschicht überzogen. Ihm wurde die Zunge herausgeschnitten.

Die Spurensuche nach dem Täter ist mühselig. Dann verschwindet auch noch der Obduktionsbericht aus der Gerichtsmedizin. Wer hat Interesse an der Leiche und ihren tödlichen Verletzungen?

Zumindest das findet Emmerich schnell heraus. Die Journalistin Alma Lehner hofft, sich mit einem spektakulären Mord-Bericht in der von Männern dominierten Branche zu etablieren - zumal sie über etwas verfügt, das ihr in einem Päckchen zugeschickt wurde: die Zunge samt Begleitschreiben. „Lassen Sie die Welt wissen, dass ich mir seine Seele geholt habe“, schreibt der vermeintliche Mörder. Er unterzeichnete schlicht mit „666“ - die Zahl des Teufels. In ihrem Artikel kreiert Lehner sogleich einen Namen für den satanischen Todesbringer: „Der dunkle Bote“.

Mit dem gleichnamigen Roman holt die Wiener Autorin Alex Beer nach den preisgekrönten beziehunsgweise -nominierten Vorgängern „Der zweite Reiter“ und „Die rote Frau“ nun zum dritten Schlag aus. Erneut schickt sie Emmerich und Winter auf Verbrecherjagd, im von Kriegswunden noch immer gezeichneten Wien vor hundert Jahren. Von Kriegsgewinnlern, Schiebern und korrumpierten Amtsträgern, die ihre Pfründe gesichert haben, mal abgesehen, gibt es auch im Oktober 1920 für die übergroße Mehrheit der Bevölkerung fast nichts, das die furchtbare Not lindert. Ganz im Gegenteil: Ein außergewöhnlich kalter Sommer hat enorme Ernteausfälle verursacht. Die Stadt hungert und versinkt im Elend - bester Nährboden für Kriminalität.

Wen wundert's, dass es nicht bei dem einen Toten bleibt. Emmerich zermartert sein Hirn, um eine Verbindung zwischen den Ermordeten, bei denen „Der dunkle Bote“ jeweils seine dreiziffrige Signatur hinterlassen hat, zu finden. Was ihm außerdem schwer zu schaffen macht, ist die Suche nach seiner Geliebten, die - wie in den Vorgängerromanen zu erfahren war - von ihrem totgeglaubten und dann doch noch aus dem Krieg heimgekehrten Ehemann offenbar verschleppt wurde. Sowohl seine privaten, als auch die beruflichen Ermittlungen fordern wieder seinen vollen Körpereinsatz, was den kriegsversehrten Mann oft an den Rand seiner Kräfte und in höchste Lebensgefahr bringt.

Kaum jemand vermag Elend, Angst und Schmerz so plastisch zu schildern wie Alex Beer. Die 42-jährige, in Bregenz geborene Autorin, die eigentlich Daniela Larcher heißt und unter anderem Archäologie studiert hat, legt viel Wert auf Authentizität. Man kann ganz sicher sein, dass das Bild, das Beer hier malt, den Gegebenheiten in der jungen Republik nach dem Ende der K.u.K.-Monarchie exakt entspricht. Dazu gehören auch der in Österreich schon lange vor dem Nationalsozialismus weitverbreitete Antisemitismus, separatistische Bestrebungen, Unterwanderung kaum manifestierter demokratischer Strukturen und extremistische Tendenzen.

So atmosphärisch dicht und fesselnd dieser Roman auch ist, so beklemmend ist er auch. Was gut ist: Weil er nämlich indirekt eine eindringliche Warnung enthält - vor einem zerstörerischen Rückschritt. Verpackt in eine spannungsgeladene Geschichte mit grausamen Bösewichten, Klein- und Schwerkriminellen, mehr oder weniger sympathischen Zeitgenossen und einem müden Antihelden mit großem Herzen. Letzterer muss am Ende einmal mehr feststellen, dass nichts so ist, wie es scheint, und Antworten auf neue Fragen finden - was zur Freude der Emmerich-Fans eine Fortsetzung verheißt.

Alex Beer: Der dunkle Bote, Limes Verlag, München, 400 Seiten, 20,00 Euro, ISBN 978-3-8090-2703-4

Der dunkle Bote

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