Tempo 80 bringt Frankreichs Autofahrer zum Rasen

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Trotz Kritik setzt Frankreich das Tempolimit für Landstraßen ab 1. Juli von 90 auf 80 Stundenkilometer herab.
Agence France-Presse

Ein neues Tempolimit macht Frankreichs Autofahrern schlechte Laune: Ab dem 1. Juli sinkt die Höchstgeschwindigkeit auf den meisten Landstraßen auf 80 Stundenkilometer statt bisher 90. Das Ziel der Regierung: Leben retten. Drei Viertel der Bürger halten die Geschwindigkeitsbegrenzung jedoch für unsinnig. Autoverbände und die Opposition laufen Sturm, für Samstag sind landesweite Proteste angekündigt.

Der ADAC warnt deutsche Urlauber: „Auto- und Motorradfahrer, die gerne auf die Tube drücken, haben es in Frankreich künftig schwerer.“ Wer zu schnell fährt, dem droht auf Landstraßen eine Geldbuße von mindestens 68 Euro. Häufig kassiert die französische Polizei direkt ab, Knöllchen werden aber seit einigen Jahren auch mit Hilfe der deutschen Behörden vollstreckt.

Betroffen von dem neuen Tempolimit sind zweispurige Straßen ohne trennenden Mittelstreifen. In Frankreich sind das rund 400.000 Kilometer, darunter auch die berühmten Alleen aus der Zeit von Napoleon Bonaparte.

Nicht wenige Touristen nutzen Landstraßen, um die Autobahnmaut zu umgehen. Doch künftig ist Frankreich eines der EU-Länder mit den strengsten Vorschriften. In Deutschland gilt auf Landstraßen weiter Tempo 100 als Regelgeschwindigkeit.

Der größte französische Automobilclub mit dem vielsagenden Namen „40 Millionen Autofahrer“ (40 millions d'automobilistes) nennt das neue Tempolimit „irrsinnig“ und eine „typische Pariser“ Erfindung, die sich gegen die Landbevölkerung richte. Laut Umfragen teilen fast 75 Prozent der Bürger diese Ansicht.

Die Beliebtheitswerte von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und Regierungschef Edouard Philippe rauschen deshalb kurz vor Beginn der Sommerferien in die Tiefe. „Wir wollen die Leute doch nicht nerven“, beschwichtigte Philippe am Freitag bei einem Treffen mit Feuerwehrleuten. „Unser Ziel ist, dass es weniger Tote und Schwerverletzte gibt.“

Die Regierung argumentiert, die Zahl der Verkehrstoten könne um bis zu 400 pro Jahr sinken. Die Motorlobby führt dagegen an, dass es bereits seit Jahren weniger als 3500 Verkehrstote in Frankreich gibt, 2017 sank ihre Zahl leicht auf knapp 3450. In Deutschland kamen im vergangenen Jahr allerdings rund 270 Menschen weniger im Straßenverkehr ums Leben, und das bei 15 Millionen Einwohnern mehr.

Frankreichs Auto- und Motorradclubs haben für Samstag zu landesweiten Demos und „Schnecken-Aktionen“ aufgerufen, also Verkehrsblockaden durch demonstratives Langsamfahren. Schon seit Wochen prangen auf vielen Autos und Motorrädern Aufkleber mit durchgestrichenen Tempo-80-Schildern.

„Wenn es um das Retten von Leben geht - warum dann nicht gleich Tempo 60 - oder sogar Tempo 0“, ätzt ein Autofahrer auf Twitter. „Sie wollen uns doch nur abkassieren“, meint eine wütende Frau. Auch der Automobilclub vermutet, die Regierung wolle die Staatskassen mit der Blitzer-Methode füllen.

Einige Landgemeinden geben sich störrisch. Sie weigern sich, Tempo-80-Schilder aufzustellen - so auch der Verwaltungsbezirk Creuse im Zentrum Frankreichs. Der Bezirk Hautes-Alpes rund um die Alpen-Stadt Gap montierte kurzerhand Tempo-70-Schilder in kurvenreichen Strecken ab. Diese seien „sinnlos“, behauptete der Ratsvorsitzende Jean-Marie Bernard. Denn nun müssten ohnehin alle kriechen.

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