Teenagethriller „Vollblüter“: Böse Mädchen

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"Vollblüter"
Amanda (Olivia Cooke) versucht, den Klein-Dealer Tim (Anton Yelchin) zu überzeugen, Lilys Stiefvater umzubringen. (Foto: Claire Folger/Universal / DPA)
Deutsche Presse-Agentur
Christian Fahrenbach

Eine junge Frau tritt nachts in einen Stall. Sie blickt einem Pferd tief in die Augen. Es ist beinahe dunkel, aber das schwache Licht reicht aus, um beide Gesichter zu studieren und zu spekulieren.

Was denken sie? Hecken sie etwas aus? Empfinden sie Zuneigung oder Angst füreinander? Ein Bildschnitt - und eine Hand zieht aus einem Rucksack ein Messer. Es sind nur wenige Sekunden, aber allein diese sparsame Szene enthält bereits alles, wovon „Vollblüter“ handelt, ein hübsch durchdachter und effizient geschriebener Genremix aus Teenagethriller, Film noir und böser Reichensatire. Im Mittelpunkt stehen Lily (Anya Taylor-Joy) und Amanda (Olivia Cooke), zwei Mädchen aus der Ostküsten-Upperclass in Connecticut, irgendwo zwischen Highschool und Studienbeginn.

Nach dem kurzen Pferdeprolog ist Amanda zu sehen, wie sie durch eine riesige Villa zieht, grinsende Gesichter auf Familienfotos nachäfft, über Safaribilder mit erlegten Löwen die Augen rollt und fasziniert teure Schwerter an der Wand betrachtet.

Dann steht Lily da im Flur, mit der sie zusammen zur Schule gegangen war, bevor sie sich aus den Augen verloren, die sie nun aber auf die Aufnahmetests für prestigeträchtige Colleges vorbereiten soll. Jeder Satz sitzt bei diesem Aufeinandertreffen, die kühle und übersmarte Amanda versteht schnell, dass ihre Mutter Geld an Lily bezahlt hat, damit diese ihr freundlich begegnet - wie das halt so ist bei Superreichen.

Dann jedoch lernt Amanda Lilys Stiefvater Mark (Paul Starks, der auch hier leicht deplatzierte Ghostwriter-Journalist der Underwoods in „House of Cards“) kennen, ein impulsiver Typ, der Mutter und Stieftochter eher kühl behandelt. Die beiden Mädchen schmieden nach einer halben Filmstunde ihren Plan: Wie wäre es eigentlich, Mark umzubringen?

Die restliche Zeit vergeht mit Skrupeln (wenig), Plänen (wechselnd) und Gesprächen (knapp): Amanda und Lily versuchen, den Klein-Dealer Tim zu überzeugen, den ungeliebten Stiefvater umzubringen, ein hängengebliebener Mittzwanziger von der Sorte, die ständig so von großen Startup-Ideen faseln, dass klar ist, dass diese niemals Realität werden. Anton Yelchin spielt diesen Typen mit Lücken zwischen dem schlechtwachsenden Bart so herausragend verwundbar, dass wieder einmal klar wird, welch Verlust Yelchins früher Unfalltod vor zwei Jahren war. „Vollblüter“ ist einer von fünf Filmen, die nach seinem Tod veröffentlicht wurden.

Doch auch der Rest des Ensembles funktioniert sehr gut und Debüt-Regisseur Cory Finley bringt sein eigenes Drehbuch gut in Einklang mit lange auf den spannenden Gesichtern der Hauptdarstellerinnen verharrenden Einstellungen. Exzellent passen auch Sound und Musik von Erik Friedlander. Da knurrt die Edel-Rudermaschine bedrohlich aus dem Obergeschoss und treibende Trommeln, flirrende Geigen und ein „Ave Maria“ unterstreichen die dröhnende Leere im Leben der Superreichen.

Das ist auch das größte Manko dieses Films über die Scharaden, die wir miteinander spielen und das Grinsen, das wir manchmal auch uns selbst vormachen: Ist es wirklich so interessant, ausgerechnet zwei entrückten Teenage-Gören dabei zuzuschauen, wie sie einen etwas unmotivierten Mord planen? Wer das Grundsätzliche dieser Welt akzeptieren will und prinzipiell Interesse für solche Art Charaktere aufbringen kann, findet in „Vollblüter“ eine gut für Spätvorstellungen geeignete Fingerübung zur Frage: Wozu wären wir fähig, wenn es uns vollkommen an Einfühlungsvermögen fehlte?

Vollblüter

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