Tea Time: Königliche Zuckerschlacht

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Bunt, süß und lecker lockt Gebäck zum „Afternoon Tea“. (Foto: Makartsev)
Alexei Makartsev

„Ladies and Gentlemen, wie sind Ihre Sandwiches?“ Meine Frau und ich – sonst sitzt keiner mit am Tisch – schauen einander an. „Ähm, gut“, stammele ich. Dabei sind die Sandwiches pappig, wie überall in England. Das würden ich als Gast des Fünf-Sterne-Hotels Hilton Park Lane nicht einmal unter Folter zugeben. Wir testen hier eine britische Tradition: den Nachmittagstee. Dabei stellen wir uns vor, im Buckingham-Palast zu sitzen. Schließlich ist das ein „Royal Afternoon Tea“.

Ich mochte schon immer Tee. In England habe ich gelernt, dass dieses Getränk magische Eigenschaften haben kann, als Trostspender, Muntermacher oder Konversationshilfe. Der „Afternoon tea“ wurde im 19. Jahrhundert von Anna, Herzogin von Bedford, erfunden. Die Adelige hatte einen großen Appetit, weswegen sie es nicht vom Frühstück bis zum Abendessen durchhielt (damals waren nur zwei Mahlzeiten üblich). Also trank sie am Nachmittag Tee mit Sandwiches. Und weil ihr langweilig war, lud sie dazu Freundinnen ein. Anna steckte damit ganz London an. Bald traf sich die Oberschicht zum „Low Tea“ um vier Uhr, während die niederen Klassen den „High Tea“ um fünf Uhr bevorzugten. Sie mussten ja vorher noch arbeiten.

Briten haben keine Zeit mehr für Nachmittagstee

Heute haben viele Briten keine Zeit für den „Afternoon tea“. Doch die Queen lässt sich ihr tägliches Teevergnügen nicht nehmen. Und das Zeremoniell mit der dampfenden Tasse ist zurzeit ein Renner in den Hotels, die mit neuen Variationen des alten Brauchs Touristen wie Einheimische anlocken. In London kann man zum Beispiel poetische (mit Lesungen), modische (mit Kuchen in Taschenform) oder männliche (mit Whisky-Eis) Nachmittagstees buchen. Manche sind so populär, dass die Wartezeit zwei Monate beträgt.

Unsere königliche Zuckerorgie beginnt mit der Wahl des Getränks. Meine Frau entscheidet sich für einen grünen Tee mit Orangenblüten. Ich wähle einen seltenen weißen „Silbernadel“-Tee aus China. Kellner Ziaul, ein 22-jähriger Einwanderer aus Bangladesch, stellt ein dreistöckiges Gestell mit zwei Dutzend süßer Teilchen auf den Tisch. Es geht los. Die Scones (Teegebäck) sind Pflicht bei jedem „Afternoon tea“. Im Hilton werden sie mit Schokopaste und Sahne serviert. Exzellent!

Danach fallen wir über die bunten Cupcakes, eine Sachertorte und einen zuckersüßen Battenberg-Kuchen her. Mein Silbernadel-Tee schmeckt nach chinesischen Käsefüßen, darum bitte ich um Ersatz. Ziaul lächelt verständnisvoll und serviert eine bodenständige Assam-Ceylon-Mischung. Nach einer Stunde sind wir pappsatt. Meine Frau starrt widerwillig die letzte Makrone an, ich würge ein Himbeer-Marshmallow-Törtchen hinunter. Danach zahlen wir und gehen. Zu Hause muss ich erst mal meinen Magen mit Kamillentee aus der Apotheke beruhigen.

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