Tanzfestival-Auftakt mit „Don Quijote“

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Deutsche Presse-Agentur

Zum Auftakt des zweiten internationalen Braunschweiger Tanzfestivals am Samstagabend ließ Choreographin Eva-Maria Lerchenberg-Thöny den Ritter „Don Quijote“ eine Lanze für an der Gesellschaft gescheiterte Existenzen brechen.

Dazu versetzte die Festival-Initiatorin in ihrer Inszenierung Cervantes Romanfigur kurzerhand in ein Irrenhaus. Der 65-jährige Tänzer Günter Pick verkörperte den in die Jahre gekommenen närrischen Träumer, der dank blühender Fantasie auch noch in Zwangsjacke seine Würde bewahrt. Die dick bandagierten Beine der Figur zeigten den Zuschauern an, dass der Recke bei den Kollisionen zwischen Fantasie und Realität oft körperlich Schaden nimmt.

Sein „Dachschaden“ hingegen hilft ihm, zu den autistischen Anstaltsinsassen vorzudringen. Sie vegetieren in sich zurückgezogen in ihren weißen Kitteln vor sich hin. Zu avantgardistischen Klangkompositionen Krysztof Pendereckis verharren die Tänzer sekundenlang in verrenkter Körperhaltung und verleihen so den Verstauchungen und Verletzungen der Seele Ausdruck. Dann wieder arbeiten sie sich anfallsartig an den Gittern ihrer Bettgestelle ab, bäumen sich auf gegen das innere Gefängnis, in das sie die Gesellschaft abgeschoben hat.

Lerchenberg-Thönys choreographische Handschrift ist unverkennbar, sei es in den angewinkelten Füßen, die sich gegen unsichtbare Mauern in der Luft stemmen oder den teils fließend dann wieder abgehakten Bewegungsabläufen, die die normalen Vorstellungen von Beweglichkeit zu sprengen scheinen. Ihre ganzen Körper sind Ausdruck, sind Angst. Angst vor dem Pflegepersonal, vor den Dämonen der eigenen Vergangenheit, vor den anderen Irren. In diese beklemmende Atmosphäre hinein tänzelt mit antiquiertem Schritt, etwas steif Don Quijote. Stücke aus Telemanns gleichnamiger Suite untermalen musikalisch seine surrealen Aktionen, etwa wenn er mit dem frisch rekrutierten Sancho, getanzt von Ferdinand Holeva, auf dem Gitterbett reitend gegen Windmühlen anstürmt.

Quijotes Traumsequenzen werden, als Reminiszenz an die spanische Heimat der Romanfigur, von Gitarrenstücken begleitet. Wenn sie erklingen, verwandeln sich die Anstaltsinsassen. Sie werden menschlich, interagieren. Don Quijotes Mut, seine Fantasien zu leben, beflügelt sie. Die Rollen, die sie in seiner Welt spielen dürfen, verhelfen ihnen zu neuem Selbstbewusstsein, so dass sie sich schließlich gegen die Pfleger auflehnen, den Ausbruch wagen. Sie scheitern. Doch gerade als alle wieder in Zwangsjacken ruhig gestellt sind, wendet sich das Blatt.

Die einstige Augsburger Choreographin Lerchenberg-Thöny beweist mit ihrer Interpretation ihr Gespür für die Nöte von Randexistenzen. „Ich wünschte mir mehr Quijotes, die in ihnen etwas anderes sehen als nur lebensunfähige Versager“, sagte die Choreographin. „Mit seiner Hilfe werden sie ihre Macken zwar nicht los, aber sie schaffen es wieder zu leben.“

Die Braunschweiger Tanzproduktion, die noch mehrmals gezeigt wird, eröffnete den Reigen von sieben internationalen Inszenierungen, die bis zum 15. März im Staatstheater gezeigt werden. Darunter vertanzte Lyrik aus China oder die Interpretation der senegalesischen Choreographin Germaine Acogny vom Völkermord in Ruanda.

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