Tübingen feiert Adam Green und „Timbuktu“

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Schwäbische Zeitung

Tübingen (dpa) ­ Beinahe etwas beschämt blickt sich Adam Green im Zuschauersaal um. Je lauter der Jubel wird, desto unsicherer wirkt er, zupft ein wenig an seinem T-Shirt herum und lächelt dann schüchtern ­ dabei ist er doch die Hauptperson des Abends.

Denn der US-Musiker hat den Soundtrack zum Theaterstück „Timbuktu“ von Paul Auster geschrieben, das am Samstagabend im Tübinger Zimmertheater seine Uraufführung feierte. „Ich habe vorher so etwas noch nie gemacht, das war eine echte Herausforderung“, erklärte Green. Die Geschichte um den erfolglosen Dichter Willy G. Christmas, der mit seinem sprechenden Hund Mr. Bones über ein Leben nach dem Tod im paradiesischen „Timbuktu“ rätselt, habe ihn schon als Roman überzeugt.

Daher habe er sofort zugesagt, als Regisseur Lucas Solange seine Mitarbeit an dieser Inszenierung angefragt habe: „Außerdem war ich gerade in Los Angeles und brauchte dringend etwas zu tun.“ Die Arbeit an dem rein instrumentalen Soundtrack habe dann aber wesentlich mehr Anstrengung erfordert, als erwartet. „Wegen der fehlenden Texte habe ich mich ganz auf die Melodie und den Rhythmus konzentriert“, sagte Green. Es sei seine bisher beste Arbeit geworden.

Regisseur Solange stimmt ihm zu. „Ohne Adams Musik kann ich mir das Stück nicht vorstellen“, erklärte er. Dennoch lässt er Greens sehr rhythmische, exotisch klingende Lieder ausschließlich in den Szenenübergängen, als Hintergrundmusik für Bühnenumbauten spielen. Wobei allerdings nicht viel umzubauen ist: Eine Kulisse gibt es nicht. Die Schauspieler bringen ihre Requisiten praktischerweise jeweils gleich selber mit auf die Bühne.

„Ich wollte das ganze Gewicht auf die drei Darsteller legen“, erklärt Solange. So überlässt er Martin Huber als Willy, Nele Winkler als Mr. Bones und Tammo Winkler als Santa die Bühne, lässt sie durch den Zuschauerraum wandern, das Publikum direkt ansprechen. Dieses reagierte nach der Uraufführung allerdings mit verhaltener Enttäuschung: Die Figuren schienen wegen des ständigen Wechsels zwischen Bühne und Saal als Charaktere unglaubwürdig.

Dieser Eindruck verstärkt sich noch durch den Spagat zwischen brachialem Slapstick-Humor und scheinbarer Tiefe, den Solange ihnen verordnet hat: So macht er Willy zum Witze reißenden Alkoholiker, der zwischen seinen durchaus tiefsinnigen Monologen über den Tod zusammenhanglos um eine Straßenlaterne tanzt. Lediglich die an Trisomie 21 leidende Nele Winkler als pragmatischer Hund mit Hang zum Zynismus wurde vom Publikum für ihre Darstellung mit stürmischen Applaus bedacht.

„Das Leben hat sowohl traurige als auch fröhliche Momente“, verteidigte der Regisseur seine Figurenkonzeption. Er habe mit Hilfe des Slapsticks jede Form von Tragik vermeiden wollen. „Im Grunde ist ja auch der Tod nichts Tragisches, wenn noch ein treuer Hund da ist“, so Solange. Greens Soundtrack drücke genau das für ihn wunderbar aus. „Adam hat einen instinktiven Sinn für Musik, genauso wie ein Hund Instinkte besitzt“, erklärte der Regisseur seine Begeisterung für den Künstler.

Green gab das Kompliment zurück. „Ich kann kein Deutsch, habe kein Wort verstanden, aber ich war trotzdem gefangen von der Aufführung“, sagte Green. Er sei überzeugt, dass das Theaterstück ein Erfolg werden könne. Sein Soundtrack war es bereits: Das Publikum feierte Green für sein Werk mit viel Applaus. Der freute sich über den großen Zuspruch: „Ich überlege jetzt bereits, ob ich den Tübinger Soundtrack als eigenes Album herausgeben sollte“.

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