Suhrkamps möglicher Umzug beunruhigt Frankfurt

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Deutsche Presse-Agentur

Schon seit längerem kursierende Gerüchte haben sich in den vergangenen Tagen bestätigt: Der traditionsreiche Suhrkamp Verlag erwägt einen Umzug von Frankfurt nach Berlin.

Über die Details der „Einladung“ des Berliner Senats, die Suhrkamp derzeit prüft, hüllt sich der Verlag zwar in Schweigen. Doch nicht nur dessen knapp 130 Beschäftigte sind alarmiert, auch die Verantwortlichen in der Bankenmetropole.

Für die Lockrufe aus Deutschlands unbestrittener Kultur-Metropole scheint Verlagschefin Ulla Unseld-Berkéwicz ein offenes Ohr zu haben. So hat der Renommierverlag der deutschen Nachkriegsgeschichte dort 2006 eine eigene Vertretung eingerichtet. Und Unseld-Berkéwicz, die Witwe des 2002 gestorbenen Verlagspatriarchen Siegfried Unseld, hat im vergangenen Jahr ihr neues Buch in Berlin - nicht in Frankfurt - vorgestellt. Darin hat sie die schwere Krankheit und den Tod ihres Mannes verarbeitet.

Allerdings sind die Suhrkamp-Beschäftigten nach einem Bericht des „Börsenblatts für den Deutschen Buchhandel“ zu 80 Prozent gegen einen Wechsel nach Berlin. Ein Umzug nach Berlin käme Suhrkamp auch teuer, zumal Buchverlage ohnehin als nicht renditestark gelten. Bei Suhrkamp wurde in den vergangenen Jahren sogar immer wieder über Ertragseinbrüche und rote Zahlen spekuliert, was der Verlag zurückgewiesen hat. Im vergangenen Jahr dürfte Uwe Tellkamps Bestseller „Der Turm“, der den Deutschen Buchpreis erhielt, dem Verlag finanziell sehr geholfen haben.

Für Frankfurt wäre der Weggang von Suhrkamp - seit Jahrzehnten ein kulturelles Aushängeschild der Stadt - ein herber Schlag. Zwar würde die Stadt ein bedeutender Verlagsort bleiben. Denn neben Suhrkamp ist auch S. Fischer in Frankfurt zu Hause - genauso wie Eichborn und Campus oder andere namhafte Verlage. Der Abstand zu den führenden Verlagsstädten Berlin und München würde sich aber vergrößern. Bei der absoluten Zahl der neuen Titel lag 2007 Berlin (10 317) auf Platz eins, ganz knapp vor München (10 279). Stuttgart und Frankfurt folgen weit dahinter, wie aus einem Ranking des Börsenvereins hervorgeht.

Frankfurt hat auch an intellektuellem Glanz - mitbedingt durch den Sog Berlins nach der Wende - in den vergangenen Jahren verloren. Die Stadt war in den 70er Jahren zusammen mit Berlin Zentrum der Studentenbewegung in Deutschland. Mit Theodor W. Adorno oder später Jürgen Habermas hatte die Universität Sozialwissenschaftler von Weltruf. In diesem Klima war es Siegfried Unseld, der Suhrkamp zum einflussreichsten Verlag der Republik aufbaute. Heute will sich die Goethe-Universität vor allem mit Einrichtungen wie dem „House of Finance“ und naturwissenschaftlichen Projekten Renommee verschaffen.

Die Stadt wirbt bei Suhrkamp mit der Buchmesse - der alljährlich in Frankfurt organisierten weltgrößten Bücherschau - für sich: „Ich bin überzeugt, dass der Verlag sich sowohl des Standortvorteils als auch seiner großen Traditionslinien hier bewusst ist“, sagt Frankfurts Kulturdezernent Felix Semmelroth (CDU) und gibt sich zuversichtlich.

Immerhin kann die Stadtspitze auf Erfahrung mit Abwanderungswilligen verweisen. Der Dachverband der deutschen Buchbranche - der Börsenverein - dachte über eine Verlagerung seines Sitzes nach Leipzig oder Berlin nach. Im Oktober vergangenen Jahres entschied man sich dann endgültig für den Verbleib in Frankfurt und eine neue Immobilie. Auch die Frankfurter Buchmesse hatte vor einigen Jahren offen mit einem Weggang nach München geliebäugelt. In beiden Fällen ging es allerdings auch darum, der Stadt bei Verhandlungen bessere Konditionen abzutrotzen.

Suhrkamp hat neben dem Umzug nach Berlin noch andere Optionen. Ähnlich wie es Rowohlt oder auch Eichborn gemacht haben, wäre ein Berliner Ableger mit eigenständigem literarischen Profil denkbar. „Dies ist Teil der Prüfung, die wir im Moment durchführen“, sagt Suhrkamp-Geschäftsführer Thomas Sparr, der seit 2006 auch die Berliner Dependance leitet.

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