Studie sieht Defizite bei der Krebs-Früherkennung

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 Norbert Schmacke, Institut für Public Health und Pflegeforschung der Universität Bremen, (links) und Christian Günster, Leiter
Norbert Schmacke, Institut für Public Health und Pflegeforschung der Universität Bremen, (links) und Christian Günster, Leiter des Bereiches Qualitäts- und Versorgungsforschung beim Wissenschaftlichen Institut der AOK. (Foto: imago)
Agence France-Presse
Hajo Zenker und AFP

Bei der Aufklärung über die Krebsfrüherkennung gibt es nach wie vor Defizite. Versicherte werden zu wenig über Nutzen und Risiken der Untersuchung auf Gebärmutterhalskrebs oder die Darmkrebsvorsorge informiert, wie der am Montag veröffentlichte sogenannte Versorgungsreport des Wissenschaftlichen Instituts der Krankenkasse AOK (Wido) zeigt. Viele Menschen machen sich im Internet dazu schlau. Experten sehen aber auch die Ärzte in einer besonderen Verantwortung.

„Ärzte dürfen Fragen oder Bedenken ihrer Patienten, zum Beispiel zu möglichen Fehlalarmen durch falsche Befunde, nicht einfach wegwischen“, forderte der Mitherausgeber der Studie, Norbert Schmacke von der Universität Bremen. Er sagt, es müsse darum gehen, die Versicherten zu einer eigenen Entscheidung zu befähigen, die auf Wissen beruhe – und nicht auf moralischen Appellen oder Überreden.

Die Mediziner finden, dass sie ausgewogen informieren: Die niedergelassenen Ärzte klärten „verantwortungsvoll sowohl über die Vor- als auch die Nachteile auf“, sagt Roland Stahl Pressesprecher der Kassenärztlichen Bundesvereinigung.

Wie eine Umfrage unter mehr als 2000 gesetzlich Versicherten zeigt, wurden nur etwa 55 Prozent der Frauen nach eigenen Angaben über die Vorteile der Früherkennung von Gebärmutterhalskrebs informiert. Lediglich 25 Prozent erhielten Informationen über mögliche Nachteile der Untersuchung.

Ein ähnliches Bild zeigte sich bei der Darmkrebsvorsorge: Informationen über die Nachteile der Darmspiegelung (36 Prozent) waren wesentlich seltener als die Aufklärung über den Nutzen der Untersuchung (75 Prozent). Nur bei der Brustkrebsfrüherkennung war es ausgewogener. Jeweils etwa die Hälfte der Frauen berichtete, über Nutzen und Nachteile aufgeklärt worden zu sein.

Zweifel an Mammografie

Neben Defiziten bei der Aufklärung zeigt der AOK-Report aber „insgesamt recht hohe Teilnahmerraten“ bei den Früherkennungsuntersuchungen. So nahmen 78 Prozent der Versicherten über 60 Jahre zwischen 2007 und 2016 entweder den Stuhltest, die Darmspiegelung oder die Beratung zur Darmkrebsfrüherkennung in Anspruch. An der Früherkennung von Gebärmutterhalskrebs nahmen im gleichen Zeitraum 85 Prozent der Frauen zwischen 30 und 49 Jahren regelmäßig teil. 15 Prozent ließen die Untersuchung dagegen nur selten vornehmen.

Bei der Mammografie, also der Brustkrebsvorsorge, ist die grundsätzliche Ablehnung höher. Zwar stieg in den Zeiträumen von 2007 bis 2009 und 2014 bis 2016 der Anteil der Frauen, die freiwillig zur Mammografie gingen, um fünf Prozentpunkte auf 61 Prozent. Mehr als jede fünfte anspruchsberechtigte Frau (22 Prozent) zwischen 50 und 69 Jahren nahm aber gar nicht daran teil. Dies werten die Experten als Hinweis, dass die Informationen zum Mammografiescreening „zu einer bewussteren Auseinandersetzung und Entscheidung der Frauen führen“. Über das Screening wird seit Jahren diskutiert. Nach Ansicht von Kritikern wird der Nutzen der Mammografie überschätzt, während Frauen nach einer sogenannten Überdiagnose manchmal unnötigerweise operiert werden oder eine Strahlenbehandlung bekommen. Andere Experten halten entgegen, dass durch die Früherkennung die Brustkrebssterblichkeit deutlich gesenkt wird. Studien zufolge werden von 1000 Frauen, die zwischen dem 50. und 69. Lebensjahr regelmäßig am Brustkrebsscreening teilnehmen, etwa zwei bis sechs vor dem Tod durch diese Krebsart bewahrt – während etwa neun bis zwölf Frauen wegen eines entdeckten Tumors operiert oder bestrahlt werden, der ihr Leben ohne Screening nicht beeinträchtigt hätte.

Die AOK-Befragung zeigt zudem, dass das Internet in Sachen Information die Ärzte überholt hat. Dass sie sich vor allem per Internet über das Thema Früherkennung informieren, gaben 51 Prozent der Frauen und 47 Prozent der Männer an. Der Hausarzt liegt als Informationsquelle dagegen mit 40 Prozent der befragten Frauen und 50 Prozent der Männer insgesamt bereits dahinter.

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