„Streifen-Maler“ Sean Scully in Duisburg

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Deutsche Presse-Agentur

Künftige Kunsthistoriker werden ihre liebe Not haben, das Lebenswerk des für seine „Streifenbilder“ international gerühmten Malers Sean Scully in das richtige „Kästchen“ einzuordnen.

Arbeitet der 1945 geborene britisch-irische Künstler mit US-Pass, der in einem Londoner Arbeitervorort aufgewachsen ist, nun abstrakt oder doch figurativ? Lehnen sich seine Kompositionen mehr an die spröde Minimal-, die bunte Op-Art oder den Farbrausch der Expressionisten an und was ist mit Einflüssen der philosophischen Konzept-Kunst? Wie sehr Scully alle diese Wurzeln zu einem höchst eigenständigen Werk von überzeugender Konsequenz und Qualität nutzt, dies beweisen die rund 60 Gemälde aus 35 Jahren, die seit Donnerstag das Museum Küppersmühle in Duisburg zeigt (bis 3. Mai).

„Konstantinopel oder Die versteckte Sinnlichkeit“ heißt poetisch die noch für Museen in Belfast, Bremen und Chemnitz vorbereitete Werkschau. Der Titel ist ein verschlüsselter Appell, der Emotionalität bei der Betrachtung des Streifen-Kompositionen Scullys freien Lauf zu lassen, der Masaccio wie Friedrich, Matisse wie Rothko zu seinen „Ahnen“ zählt. Gemalte Spiritualität steht also für den Iren im Vordergrund („Ich bin katholisch, liebe den Rauch und den Mystizismus...“), dem die Namen spröder Kunst-Konstrukteure wie Mondrian oder Albers nur schwer über die Lippen kommen.

Den Weg zu dieser hintergründigen Gedankenwelt weist bereits das wolkig-blaue Großformat „Overlay (1974), das durch ein starres Gittermuster den Blick in die schiere Unendlichkeit freigibt. „Araby“, eine blockhaft gefügte Kompositionen aus schmalen Streifen wie Markisenstoff, fängt 1981 in kühnen Farbkontrasten die Sinnlichkeit des Orients ein.

Die Streifen werden zu Farbblöcken im Schwarz-Grau-Lackweiß des Mittelformats „Pale Mirror“ (1999) oder dem aus Safran und Purpur gefügten Gemälde „Big Yellow Robe“ von 2006. Die früher scharfen Kanten der Farbflächen Scullys sind längst sanften Übergängen und Übermalungen gewichen, die den Motiven pulsierenden Atem einhauchen und den Blick beweglich halten. Sind es Felder und Wiesen aus dem Flugzeug betrachtet oder Häuserfassaden - im raschen Vorbeifahren gesehen?

Mögen auch manche Kleinformate Sean Scullys eher dekorativ und illustrierend wirken, stören plastisch vorspringende Farbblöcke wie in dem als Hommage an Matisse gedachten „The Bather“ (1983) die subtile Gesamtkomposition, beeindruckt anderes rückhaltlos. Hierzu gehört das Querformat „Light in August“ (1991), dessen breite, horizontal-vertikale Streifen aus Teerschwarz und stumpfem Elfenbein die Untermalung in düsterem Tintenblau mehr ahnen als sichtbar lässt.

Wer mag, kann in diesem Bild eine ferne Erinnerung an jenen Stuhl sehen, den Vincent van Gogh einst gemalt hat. Die schlichte Ausdruckskraft dieses Gemäldes hat den noch nicht 20-jährigen Scully 1964 so beeindruckt, dass der junge Ire unbedingt Maler werden wollte.

www.museum-kueppersmuehle.de

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