Stephenie Meyers neuer Vampir-Bestseller

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Deutsche Presse-Agentur

Nicht etwa einen nur kugelsicheren, nein, einen raketensicheren Mercedes hat er ihr kurz vor der Hochzeit geschenkt. Kann es einen größeren Beweis liebevoller Fürsorge eines angehenden Gemahls geben?

An der Tankstelle in Forks erregt Bella mit dem teuren Gefährt gehörig Aufsehen. Die 18-jährige - einst unscheinbarer Teenager und Tochter geschiedener Eltern in dem Provinzkaff - wähnt sich am Ziel ihrer Wünsche: Endlich darf sie den mysteriösen, äußerst attraktiven Edward Cullen heiraten. Die Annäherung zwischen dem Mädchen und dem Vampir war schließlich romantisch, kompliziert und dramatisch genug. Millionen meist junger Leserinnen in 40 Ländern haben dabei seit August 2005 mitgefiebert. Und auch der Abschluss dürfte die Fans ins Mark treffen, mitsamt einiger Urerfahrungen Bellas auf dem Feld der Ehe.

Stephenie Meyers umfangreiche Fantasy-Romanfolge „Bis(s) zum Morgengrauen“, „Bis(s) zur Mittagsstunde“ und „Bis(s) zum Abendrot“ verkaufte sich bereits 42 Millionen Mal, brachte einen Internet-Hype und zuletzt die spektakulär erfolgreiche Verfilmung des ersten Teils mit sich. Alle drei Bände rangieren noch immer auf obersten Plätzen der Spiegel-Bestsellerliste - ein Triumph, der bislang nur Joanne K. Rowlings „Harry Potter“ (ebenfalls Carlsen-Verlag, Hamburg) und Cornelia Funkes „Tintenherz“-Trilogie gelang, die weltweit mehr als 400 Millionen Mal beziehungsweise im einstelligen Millionenbereich über die Ladentische gingen.

Nun ist mit „Bis(s) zum Ende der Nacht“ der vierte und wohl letzte Band hierzulande auf den Markt gekommen - wieder publikumswirksam am Valentinstag. Die amerikanische Originalausgabe „Breaking Dawn“ war bei uns schon im Spätsommer gleich nach Erscheinen auf der Top-Liste vertreten.

Bei aller Entlegenheit und Trivialität der Geschichte muss diese wohl über den entscheidenden Seelenschlüssel zu verfügen: Es geht in ihr schließlich um wahre, intensive, aber keusche Gefühle und um Enthaltsamkeit vor der Ehe. Für die konservative Botschaft der aktiven Mormonin Meyer scheint der Zeitgeist einer Gesellschaft, in der die oft vernachlässigten Jugendlichen an jeder Straßenecke mit Sexthemen konfrontiert werden, demnach äußerst empfänglich.

Umgeben von Blutsaugern, Werwölfen und ein paar Menschen treten Bella und der mehr als hundert Jahre alte Edward mit der marmorweißen, glatten Haut eines 17-Jährigen in einer traditionellen Zeremonie vor den Pfarrer. Nur eine kleine Änderung am Eheversprechen gibt es: Statt „bis dass der Tod uns scheide“, sagt das seltsame Paar solange wir beide leben, denn wenigstens Vampire sterben nie. Doch ach, selbst mit ihren umwerfenden Flitterwochen auf einer kleinen Insel vor Brasilien ist das Happy-End für die beiden noch nicht gekommen: Dem Roman-Personal zur Qual, ihren Anhängern in aller Welt zum Lesevergnügen, gilt es jetzt erst recht, existenzielle Prüfungen zu bestehen und alles entscheidende Schlachten zu schlagen. Und das auf fast 800 Seiten.

Stilistisch hat „Bis(s) zum Ende der Nacht“ nicht mehr zu bieten als seine Vorgänger: Stereotype Gefühlsbehauptungen, langatmig ausgebreitete Action, flache Charaktere und simple Dialoge bilden im Grunde das reinste Lektüre-Grauen - nach dem Muster: „Einen Moment lang trafen sich unsere Blicke; und ich meinte, durch seine goldenen Augen auf den Grund seiner Seele blicken zu können.“

Und doch versteht es Meyer, die 35-jährige schreibende Hausfrau und Mutter dreier Söhne aus Phoenix/Arizona, eindringlich für ihre religiös geprägte Weltsicht zu werben. Als Verheiratete quasi mit der Erlaubnis ausgestattet, werden aus den Sexmuffeln Bella und Edward nämlich flugs auch körperlich leidenschaftlich Liebende: Im Rahmen des Buches gerät das zum verführerischen Argument für die Ehe bereits in jungen Jahren. Außerdem gestaltet die Autorin, selbst seit 1994 mit Jugendfreund Christiaan verheiratet, mittels Sterblichen und Unsterblichen ein Leben in der Großfamilie mit viel Liebe zwischen Eltern und Kindern, Geschwistern und Freunden, für das es sich lohne, alle Schmerzen und Verteidigungskämpfe auf sich zu nehmen. Inmitten der Turbulenzen, Gefahren und Zärtlichkeiten entfaltet Bella ihre Fähigkeiten und Emotionen - modernistische Emanzipationsbestrebungen außerhalb des Cullen-Clans kommen da gar nicht erst auf.

Stephenie Meyer

Bis(s) zum Ende der Nacht

Aus dem Englischen von Sylke Hachmeister

Carlsen-Verlag, Hamburg

789 S., Euro 24,90

ISDN 978-3-551-58199-0

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