Stauffenbergs letzter Zeuge

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Kurt Salterberg war Wachsoldat bei Hitler. Und er stand nur wenige Meter entfernt, als am 20. Juli 1944 die Bombe des Widerstandskämpfers Graf Stauffenberg in Hitlers Besprechungsbaracke explodierte -- heute vor 66 Jahren. Salterberg hat seine eigene Meinung über das Attentat und dessen Erfolgsaussichten. Mit Stauffenberg verbindet ihn wenig.

Von unserem Redakteur Martin Sturm

Der Mann, der Stauffenberg zu Hitler ließ, ist heute 87 Jahre alt. Er sah den Attentäter kommen, mit anderen eintreten und allein abfahren. Als die Baracke, in der Hitler eine Besprechung abhielt, in die Luft flog, stand er 20, 30 Meter daneben, so nahe wie niemand sonst. Er war als erster zur Stelle. Und er sah Hitler -- der am 20. Juli 1944 sterben sollte -- lebend und nur leicht verletzt aus den Trümmern steigen.Kurt Salterberg war Hitlers Wachmann. Er ist vermutlich der letzte lebende Zeuge des Anschlags, den ein Gruppe von Verschwörern in Hitlers Hochsicherheits-Hauptquartier „Wolfschanze“ im heutigen Polen organisierte (siehe Kasten). Von sich selbst sagt Salterberg, er sei überhaupt der einzige, der alles mit eigenen Augen sah: wie ein hoher Wehrmachtsoffizier den Tyrannenmord wagte -- und wie ihm das um ein Haar gelungen wäre.

Aber eben nur um ein Haar.

Verehrung oder gar glühende Bewunderung für Claus Schenk Graf von Stauffenberg sucht man bei Kurt Salterberg vergebens. „Für mich ist Stauffenberg kein Held. Er war ein laienhaftes Attentat. Es ist misslungen. Und es hat auch das eigentliche Ziel der Verschwörer, die Macht in Deutschland zu übernehmen, verfehlt.“ Kein Respekt vor so viel Mut? Das eigene Leben zu riskieren, ins Herz der Hölle vorzudringen um den mächtigsten Mann Europas umzubringen: Hitler, den „Führer“, den mancher wie Gott verehrte?

Kurt Salterberg ist ein nüchterner Mann. „Nachdem was wir jetzt wissen, sage ich natürlich auch: Gut, dass Hitler heute tot ist. Aber all seine Verbrechen und die Hintergründe -- das war uns doch damals nicht bekannt!“ Sein Urteil über Stauffenberg hat sich gleichwohl nicht verändert: „Für mich war Stauffenberg einfach ein Attentäter. Hätte er die Pistole gezogen und Hitler erschossen -- dann hätte ich Respekt vor ihm gehabt.“

Das ist nicht gerade die Art von Würdigung, wie man sie 66 Jahre später als politisch korrekt bezeichnen würde. Schon weil Stauffenberg (dem nach einem Beschuss 1943 ein Auge, der rechte Arm und zwei Finger der linken Hand fehlten) ein Pistolenattentat wohl gar nicht möglich gewesen wäre. Vor allem aber irritiert es, weil Stauffenberg heute den meisten Menschen als Lichtgestalt gilt: als einer, der sein Leben opferte, Hitler und allem deutschen Gräuel ein Ende setzen wollte. Altvordere stellten Stauffenberg zwar noch Jahrzehnten nach dem Krieg als Verräter hin. Doch das zog nicht, verblasste; inzwischen ist der Name Stauffenberg Inbegriff für das späte Aufbäumen einiger Aufrechter. Sie bezahlten dafür mit ihrem Leben. Neben dem Attentäter selbst wurden fast 200 Verschwörer und Mitwisser grausam hingerichtet, oder sie brachten sich um. Einfacher, braver Soldat

Für das Leid all derer, ihrer Familien und der Tausenden anderen, die ebenfalls nach dem 20. Juli 1944 verfolgt, verhaftet oder umgebracht wurden, steht der Graf Stauffenberg auch symbolisch. Wer so einem den Respekt versagt, könnte im Jahr 2010 von den Nachgeborenen missverstanden werden. Salterberg strahlt großen Respekt aus: für das ganze Leben, wie es hinter ihm liegt. Das tut er mit seiner gelassenen Ruhe, den langen Redepausen und dem wissenden Blick, der manchmal ins Leere geht. Warum fällt ihm das so schwer mit Stauffenberg?

„Kurt Salterberg ist bestimmt kein Mensch, der heute noch das Gedankengut der Nazizeit mit sich herumschleppt“, sagt der Münchner TV-Journalist Franz-Ferdinand Fleischmann. Er hat Salterberg persönlich kennengelernt, als er eine Dokumentation über das Stauffenberg-Attentat drehte. Im Jahr 2008 war sie im ZDF zu sehen. Der Journalist Fleischmann hat Erfahrung mit Zeitzeugen aus Krieg und Nazi-Diktatur. Mancher lege sich im Rückblick die Geschichte neu zurecht. Auf Salterberg treffe das sicher nicht zu. „Ich mag Zeugen wie ihn. Er ist authentisch, absolut glaubhaft.“ Salterberg sei ihm als liebevoller Ehemann in Erinnerung, der seine schwerkranke Frau pflegte. In ihrem bescheidenen Haus im Westerwald-Dorf Pracht bei Köln gewann er den Eindruck: „Kurt Salterberg war ein einfacher, braver Soldat.“

Es ist fast dieselbe Formulierung, die Salterberg selbst wählt, um seine Kriegserlebnisse in Worte zu fassen. „Jeder Soldat hat seine Pflicht getan -- jeder dort, wo er stand. Ich auch.“ Das gelte für die Zeit in der Wolfschanze von Oktober 1943, als man ihn überraschend zu Hitlers „Führerbegleitkompanie“ abkommandierte, bis zum 21. Juli 1944, dem Tag nach dem Attentat, als er ebenso schnell und ohne Begründung wieder abgezogen wurde.

Ein „einfacher, guter Soldat“, sagt Salterberg, war er auch nachher: in den Ardennen, wo er am 3. März 1945 durch einen Lungenschuss lebensgefährlich verletzt wurde. Und vorher: als junger Mann, der sich mit 17 freiwillig zum Militärdienst meldete, in Russland „an vorderster Front“ kämpfte, den ganzen „langen, furchtbare Winter 1942/43“. Genauer will Salterberg nicht werden. In einer kleinen Broschüre, wo er seinen Werdegang und das Attentat aufgeschrieben hat, steht nur soviel: „Über die unmenschlichen Einsätze und Erlebnisse in diesem Feldzug möchte ich keine Schilderungen vornehmen. Das wäre ein unendliches Thema über Leid, Elend und Tod, aber auch Kameradschaft und Heldenmut.“

Heldenmut -- davon hat jeder, der als Soldat seinen Krieg erlebt, gleich ob in Russland oder Afghanistan, eine bestimmte Vorstellung. Es ist anzunehmen, dass sie abweicht von dem, was jüngere Generationen darunter verstehen, wenn Stauffenberg heute als „Held des Widerstands“ verehrt wird.

Es dürfte aber auch klar sein, dass die Herkunft des Offiziers Stauffenberg eine andere war als die des Obergefreiten Salterberg, der - vor seiner Zeit in der Wolfschanze - Kanonen an Pferdefuhrwerken in Stellung brachte und sie wieder aus dem Matsch zog. Stauffenberg war Adliger, ging in schwäbischen Schlössern ein und aus. Er gehörte zum elitären Kreis des Dichters Stefan George. Kurt Salterberg stammt aus einfachsten Verhältnissen; der Vater war Nachtwächter, die Familie hielt sich mit Kleinlandwirtschaft über Wasser. Die Kinder fütterten das Schwein, mussten früh auf dem Feld arbeiten.

Trotzdem ist die Geschichte vom Attentat auch seine Geschichte: Sie beginnt kurz vor Mittag. Generalfeldmarschall von Keitel, Chef des Oberkommandos der Wehrmacht, passiertmit einer Gruppe Offiziere den Posten Salterbergs. Er hatte die Order, Hitlers und Keitels persönliche Begleitungen nicht zu kontrollieren. So gelangen Stauffenberg und die Bombe in seiner Aktentasche in die Baracke. Gegen 12.40 Uhr kommt Stauffenberg heraus, ohne Tasche. „Ich dachte, er hätte etwas vergessen“, erinnert sich Salterberg. Um 12.42 Uhr geht die Bombe hoch. „Hitler war nett zu mir“

Salterberg hat es oft erzählt: wie Menschen aus dem Fenster flogen, schreiend auf dem Rasen lagen, wie Hitler blutend, auf zwei Helfer gestützt, vor ihm stand. Auch die Fragen der Journalisten und Filmemacher nach Hitler, der Bestie, hat er beantwortet. Im Umgang sei „Hitler nett zu mir“ gewesen, auf zackige militärische Meldungen habe er gleich verzichtet. „Stellen Sie sich einen guten Vorgesetzten heutzutage vor. Für einige Worte war immer Zeit.“ Oft schon morgens, wenn Hitler mit seinen Schäferhunden aus dem Bunker an die frische Luft kam. Es ging um Belangloses, Unverfängliches. „Ich konnte ihn ja schlecht fragen: Wie steht es denn so an der Ostfront?“

In den TV-Dokumentationen blenden sie Salterberg meistens kurz ein, um die entscheidenden Minuten erzählen zu lassen. Einmal fragte ihn der ZDF-Fernsehhistoriker Guido Knopp nach seinen eigenen Gedanken. Salterberg antwortete, dass zum 20. Juli in der Regel Akademiker zu Wort kämen. Und dass ihm damals, angesichts des blutenden Hitlers in zerfetzten Hosen, nicht die Frage durch den Kopf ging, ob er nun erleichtert sei oder Hitler lieber tot gesehen hätte. „Wenn er gestorben wäre“, sagt Salterberg heute, „wäre eben ein anderer gekommen.“

Seit 1984, als sich Salterberg auf eine Annonce Knopps meldete, steht er Rede und Antwort, hält Vorträge und unternimmt Reisen in die Wolfschanze. Dass der Stauffenberg-Film mit Tom Cruise „80 Prozent mehr Wachen zeigt, als es wirklich gab“, ärgerte ihn im vergangenen Jahr besonders. Davon abgesehen, ähneln sich seine Berichte, bis auf den Wortlaut. Sie sind weitgehend frei von Gefühl. Salterberg ist ein sachlicher Zeuge des 20. Juli 1944. Einer, der sich an die Fakten hält.

Man könnte meinen, er verschanze sich sogar dahinter. Selten, etwa wenn er von den Stalin-Orgeln, diesen fürchterlichen Raketenwerfern erzählt, beschreibt seine Stimme das nicht enden wollende „Dsch, dsch, dsch, dsch“. Und die Hände, die sonst so still liegen, geraten in Bewegung. „Das war moralisch schwer“, sagt er nur. Jeder muss sich seinen Teil denken. Sohn und Tochter hätten auch nie nach dem Krieg gefragt. „Sie haben gespürt, dass ich das nicht wollte, und es respektiert.“

Hatte Salterberg Angst, als die Bombe explodierte? Immerhin bewachte er Deutschlands Nummereins. „Keine Zeit“, sagt er und berichtet, wie er funktionierte, den Sperrkreis öffnete, Rettungskräfte ohne Kontrolle einließ -- was gegen die Dienstvorschriften war -- und einem SS-Mann, der sich widersetzte, „einen Handkantenschlag gegen die Gurgel verpasste. Wir hatten ja Nahkampfausbildung.“

Das ist die Faktenlage. Die stimmt, die aber auch tiefer Liegendes zudeckt. Auch sechseinhalb Jahrzehnte danach. Wer tiefer bohrt, stößt auf Beton, der dichthält. So wie der meterdicke Beton all dieser riesigen Bunker. Sie sind in der Wolfschanze stehengeblieben -- viel zu schwer zum Wegräumen. Jeder Top-Nazi hatte seinen eigenen Bunker in diesem weitläufigen Labyrinth aus Beton, getarnt unter Bäumen. Heute ist „die Anlage“, wie Salterberg sie immer noch nennt, ein beliebtes Ausflugsziel in Polen. Hat er, in dieser künstlichen Betonwelt, wo es sogar eine eigene Sauna und ein Kino gab, nicht einmal gedacht: Hier lebt also der Mensch, der das ganze Elend und den Tod an der Front verantwortet? „Das wäre einem in der Wolfschanze nicht in den Sinn gekommen. Wir waren im Dienst.“Arm und ahnungslos

Der Wachmann und der Attentäter -- diese beiden trennten bis zum 20. Juli 1944 nicht nur die Welten der Armen und der Reichen. Stauffenberg war mit 36 Jahren bereits gereift, Salterberg mit 21 noch ein ganz junger Mann. Stauffenberg war seit 1926 Berufsoffizier, hatte die Zeit und die Mittel, den Aufstieg Hitlers zu reflektieren. Salterberg ging in der Hitlerjugend, marschierte 1939 mit der HJ vom Westerwald nach Nürnberg zum Reichsparteitag. Eine Auszeichnung. Auf seinem Weg trug er die Fahne, aß aus der Feldküche. Weil der Krieg losbrach, fiel der Parteitag aus, die Kinder wurden in Hitlers Geburtsstadt Braunau gefahren und erhielten jedes ein Gratisexemplar „Mein Kampf“, handsigniert. So glitt Salterberg fast unbemerkt in sein Gefecht. Es passierte eben so mit ihm.

Mag sein, dass sich Kurt Salterberg weniger Gedanken über den Krieg machte. Er sagt heute, auch dafür blieb meist keine Zeit. Und dass sich jüngere Leute die Armut und die Ahnungslosigkeit, in der er selbst aufwuchs, überhaupt nicht vorstellen können.

Gut vorstellen kann man sich, dass die tägliche Gegenwart des Todes und was sonst zum Alltag eines russischen Frontabschnitts gehörte, einen gewissen Pragmatismus hervorbringen. Man kann sich das bei Kurt Salterberg sogar sehr gut vorstellen, heute noch, wenn er, auf seinem alten Sofa sitzend, spröde Bericht erstattet. Dann sind viele Sachen eben, wie sie sind. Und waren, wie sie waren. Diese Lebenseinstellung war womöglich sein Trumpf, der ihn zum Wachdienst bei Hitler qualifizierte, ausgewählt als einer von nur acht einer 15 000 Mann starken Division. Warum ausgerechnet er? Hat er sich das mal gefragt? „Keine Zeit“, sagt Salterberg fast barsch. Heute würde man sagen: Der hat einfach sein Ding gemacht. „Der musste ja scheitern“

Es gibt eine Episode in Salterbergs Notizen, die das besonders schön illustriert: mit welchem Selbstveständnis er seinen Dienst versah - so dicht an Hitler wie kaum ein anderer, wenn er den allerengsten „Sperrkreis Ia“, der nur 50 mal 100 Meter maß, bewachte. „Oft kamen Besucher, zum Beispiel Generäle von der Front, und wollten unbedingt den Bunker aus der Nähe sehen, wo Hitler wohnte und lebte. Hier war es oft sehr schwer für einen Obergefreiten, diesen Herren den richten Weg zu zeigen.“ Salterberg scheint bis heute nicht zu begreifen, was derartiger Tourismus im Führerhauptquartier soll.

Ebenso weltfremd muss es ihm vorgekommen sein, dass jemand ernsthaft glaubt, den ganzen deutschen Nazi-Staat aufs Kreuz legen zu können. „Stauffenberg, der musste ja scheitern“, sagt Salterberg. Dass sie auffliegen könnte, wussten die Verschwörer, aber: „Es kommt nicht mehr auf einen praktischen Zweck an, sondern darauf, dass die deutsche Wiederstandsbewegung vor der Welt und vor der Geschichte den entscheidenden Wurf gewagt hat“, schrieb Stauffenbergs Vertrauter Henning von Treckow.

Salterberg hätte sich 1944 so nicht ausgedrückt. Nicht in dem gemeinten Sinn. Nicht in diesem Stil. Er hat den Führer bewacht, wie befohlen. Er hat sich nicht zum Widerstandskämpfer entwickelt. „Die Euphorie dieser Zeit, vor dem Krieg und nach den ersten Siegen -- das kann man aus heutiger Sicht nicht verstehen.“ Auch wenn er selbst nicht alles mitgemacht habe. Als Hitler erstmals den Westerwald besucht, „lief alle Welt hin“. Salterberg läuft nicht, jubelt nicht. Anders Stauffenberg, der nach gewonnenem Frankreich-Feldzug vom guten Bordeauxwein schwärmt und über Hitler wie im Champagner-Rausch begeistert notiert: „Der Vater dieses Mannes ist der Krieg.“ Der Krieg kam gerade recht, die folgenschwere Einsicht erst später. Und Stauffenberg wurde der Attentäter des 20. Juli.

Salterberg ist Realist geblieben.

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