Spielen vor dem PC: Musikschüler im Lockdown

Digitaler Musikunterricht
Der neun Jahre alte Benjamin übt vor seinem Computer mit seiner Geige. (Foto: Uli Deck / DPA)
Deutsche Presse-Agentur
Rebecca Krizak

Den Weg zur Musikschule kann Benjamin sich sparen. Das ist aber auch das einzige, was der Neunjährige aus Karlsruhe an der Situation gerade gut findet. Seit Monaten hat er seinen Geigen-Lehrer nur noch digital getroffen.

„Wenn es zum Beispiel um die Fingerhaltung geht, dann kann er mir das zwar zeigen. Aber schwierige Anweisungen dann auch schnell umzusetzen, das ist gar nicht so einfach“, erzählt Benjamin.

Ob Kinder derzeit in der Musikschule unterrichtet werden können und unter welchen Regeln, ist abhängig von den Verordnungen der Bundesländer. Fest steht: Für viele findet der Unterricht seit beinah einem Jahr meist digital statt. „Das klappt dann gut, wenn Schüler und Lehrer sich schon kennen“, sagt Matthias Pannes. Er ist Bundesgeschäftsführer des Verbands deutscher Musikschulen.

Schwieriger sei es derzeit, neue Schülerinnen und Schüler zu gewinnen. Zwar liegen die aktuellen Anmeldezahlen noch nicht vor. Pannes rechnet aber mit einem Rückgang. Den Anfängern fehlt die Erfahrung, auf der sie aufbauen können. „Den Umgang mit den Instrumenten rein zu beschreiben oder vorzuspielen, ist da einfach schwierig“, sagt Pannes. Der Verbandschef sieht gerade bei den jüngeren Kindern Probleme. „Für Kinder, die im Vorschulbereich und im Grundschulalter erreicht werden, ist das Lernen mit allen Sinnen einfach wichtig“, sagt er. Musikalische Früherziehung zu Hause? Unter bestimmten Umständen möglich, aber nicht ganz einfach.

Umso wichtiger ist es, diejenigen bei der Stange zu halten, die schon dabei sind. An den mehr als 900 Musikschulen im Verband klappt das ganz gut, sagt Pannes. Mehr als 80 Prozent der Eltern, die ihre Kinder im Einzel- oder Partner-Unterricht angemeldet haben, sind dabei geblieben. Oft haben die Eltern schon seit Jahren die Gebühren für den Unterricht bezahlt. Viele fürchten: Wenn die Kinder jetzt aufhören, fangen sie vielleicht nie wieder an. Dann wären Zeit und finanzieller Aufwand umsonst gewesen.

Motivieren, zum Üben überreden: Das war auch schon vor der Corona-Krise oft Alltag vieler Eltern mit musizierenden Kindern. Nun aber spielen sie oft eine noch größere Rolle. Das ist auch bei Benjamin aus Karlsruhe so. Ein Problem mit der Motivation hat er zwar nicht. Dennoch ist er froh, dass seine Mutter auch Geige spielt und ihm manchmal helfen kann. „Zum Beispiel wenn meine Geige gestimmt werden muss“, erklärt er.

„Ohne die Eltern geht gerade eigentlich nichts“, findet Sarah Leuchter. Die Mutter aus Köln hat ihre fünfjährige Tochter vor einigen Monaten zur musikalischen Früherziehung angemeldet. Beim digitalen Unterricht ist sie immer mit dabei. Singt die Lehrerin im Bildschirm etwas vor, schalten Eltern und Kinder auf der anderen Seite ihre Mikrofone stumm und singen jeder für sich mit. „Ein Miteinander ist das natürlich nicht wirklich. Aber es ist besser als nichts“, sagt Sarah Leuchter.

„Eine Struktur im Tag zu haben und eine regelmäßige wie kreative Beschäftigung sind besonders in diesen Zeiten für Kinder und Jugendliche wohltuend“, sagt auch Pannes. Wie motiviert und konsequent die Kinder dabei bleiben, hänge vor allem von der Situation ihrer Familien ab, meint Pannes. „Wie sind die Tage in den Familien organisiert? Wie belastet sind die Eltern mit ihrer Arbeit? Welche Sorgen gibt es vielleicht in der Krise?“ Er wünscht sich, dass beim Thema Öffnungen Musikschulen und Schulen gleichberechtigt behandelt werden. „Bildung ist mehr als Schule“, sagt er.

© dpa-infocom, dpa:210408-99-122561/2

Verband deutscher Musikschulen

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