Späte Entdeckung: Weinbergs Oper „Die Passagierin“

Lesedauer: 5 Min
Schwäbische Zeitung

Karlsruhe (dpa) - Die großen Sowjetkomponisten Dmitri Schostakowitsch und Sergej Prokofjew haben längst ihren Platz im Repertoire der europäischen Konzert- und Opernhäuser.

Doch da ist noch ein Dritter: Mieczyslaw Weinberg (1919-1996). Das Badische Staatstheater Karlsruhe hat nun dessen 1968 vollendete Oper „Die Passagierin“ auf sein Programm gesetzt. Eine szenische Uraufführung gab es 2010 bei den Bregenzer Festspielen, zuvor nur eine konzertante Aufführung in Moskau. Weinbergs Werk ist den Opfern von Auschwitz gewidmet, ein schweres Thema. Doch die Musik packt das Premierenpublikum unmittelbar. Nach drei beklemmenden Stunden gibt es befreienden, aufatmenden Applaus.

Komponiert hat Weinberg seine Oper nach dem Roman von Zofia Posmysz. Die 89-Jährige Auschwitzüberlebende sitzt mit im Publikum. Buch und Oper handeln von der Ozean-Überfahrt des jungen deutschen Karrierediplomaten Walter zu seinem ersten wichtigen Job - Botschafter in Brasilien. Der Wirtschaftswunderdeutsche ist in Begleitung von Lisa, seiner jungen Frau, es ist eine späte Hochzeitsreise. Die aber wird durch die Begegnung mit „der Passagierin“ Marta gestört: eine rätselhafte Frau, in der Lisa eine KZ-Insassin zu erkennen glaubt. Erst jetzt erfährt Walter von der Vergangenheit seiner Frau als einstiger KZ-Aufseherin. Die Oper wechselt zwischen Szenen auf dem glamourösen Ozeanriesen und der engen-armseligen Welt von Auschwitz.

Weinberg war ein Komponist, der alles konnte. Das zeichnet auch seine Partitur zur „Passagierin“ aus. Da gibt es zu Beginn auf dem feierseligen Luxusdampfer verquere Walzer im 5/4tel-Takt - ganz in der Tradition von Tschaikowsky. Das mondäne Publikum wird durch gekonnte Jazz-Paraphrasen porträtiert. Wenn drei SS-Männer ihr „Handwerk“ verrichten, dann dreht das Orchester das alte deutsche Lied „O, du lieber Augustin“ durch den musikalischen Fleischwolf. Das Vorspiel zum zweiten Akt ist eine verzerrt-brillante Zirkusmusik. Und selbst Schuberts abgenudelter Militärmarsch für Klavier, komponiert für „höhere Töchter“, kann sich zu einer bedrohlichen Orchesterfantasie auswachsen.

Wie bringt man so etwas auf die Bühne? Sicher nicht in realistischen Bildern, also kein peinliches Pappmaché-KZ. Regisseur Holger Müller-Brandes und Ausstatter Philipp Fürhofer inszenieren die Handlung in einem abstrakten, sich spiegelnden Raum. Verschiebbare Spiegelwände begrenzen die Enge zwischen Chor und handelnden Figuren. Der perfekt einstudierte Chor (Leitung: Ulrich Wagner) und die sensibel geführten Solisten erzählen die Geschichte als Kammerspiel. Stefan Woinkes stimmige Lichtregie sorgt für die immer richtige Beleuchtung der Protagonisten.

Das musikalische Niveau ist beeindruckend. Die Badische Staatskapelle unter der Leitung von Christoph Gedschold präsentiert die raffinierten Klangfarbenmischungen Weinbergs mit rhythmischer Präzision und musikalischer Präsenz. Genauso rühmen muss man aber auch die Solisten, allen voran Barbara Dobrzanska in der Titelrolle, Christina Niessen als KZ-Aufseherin Lisa, Matthias Wohlbrecht als deren Mann und Andrew Finden als Martas Geliebter Tadeusz.

Infos zu „Die Passagierin“

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen