„Simplicissimus Teutsch“ in Köln uraufgeführt

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Deutsche Presse-Agentur

Das Drama „Simplicissimus Teutsch“ spielt im Dreißigjährigen Krieg. Die Bühnenfassung von Thomas Dannemann fußt auf Hans Jacob Christoffel von Grimmelshausens (1622-1676) epochalem Roman „Der abenteuerliche Simplicissimus Teutsch“; uraufgeführt wurde sie vom Schauspiel Köln in der Halle Kalk.

Das Industriedenkmal ist der rechte Ort, denn die heruntergekommene Werkhalle verströmt eine Atmosphäre des Zerfalls, die an die Brutalität dieses furchtbaren Kriegs erinnert. Obwohl oder gerade weil das Thema jeder Leichtigkeit spottet und die Uraufführung über dreieinhalb Stunden dauerte, applaudierte das Publikum einhellig, lang und begeistert.

Die Handlung setzt ein, als der alte Simplicissimus (souverän: Michael Weber) in einer Kirche betet. Er wird überfallen und muss sich seiner Haut wehren. Der Angreifer stellt sich als ehemaliger Spießgeselle heraus, Simplicius erzählt ihm sein Leben: von der elenden aber auch idyllischen Kindheit auf dem Bauernhof über die verschiedenen Stationen im Krieg bis zu seinem Überdruss und dem Versuch, Frieden zu finden.

Am Anfang ist der Boden der Spielfläche (Bühne: Stéphane Laimé) mit Holzspänen bedeckt, im Lauf des Spiels mischen sich Abfall, künstlicher Schnee, Gedärm, Knochen und literweise Bühnenblut zu einem ekligen Gemisch. Die Handlung vollzieht einen Prozess der Verrohung nach, die Entwicklung des unschuldigen Knaben zum gewissenlosen Bürgerschreck abseits aller soldatischer Disziplin, eingebettet in den ganz Deutschland und Europa verheerenden Krieg.

Eine der besten Szenen zeigt den jungen Simplicissimus (virtuos: Jan-Peter Kampwirth) in den Netzen eines Bürgermädchens (Lina Beckmann). Sie wähnt sich im festen Besitz des richtigen Glaubens und muss erfahren, dass Simplex sich einfach als „Christ“ bezeichnet - wo doch subtilste Nuancen über Seelenheil oder ewige Verdammnis entscheiden! Simplex ist bereit, sich retten zu lassen, wenn die junge Fundamentalistin ihm sexuell entgegenkommt - eine ebenso komische wie tragische Szene.

Darum ging es Regisseur Thomas Dannemann und seinem engagiert spielenden zehnköpfigen Ensemble: Der Stoff ist, obwohl der Westfälische Friede 1648 geschlossen wurde, brandaktuell. Einmal geht Simplex in einer Uniform über die Bühne (Kostüme: Katja Wetzel), die stark der eines deutschen Offiziers unserer Tage ähnelt - eine Erinnerung an Auslandseinsätze der Bundeswehr? Das Stück endet wie es begann mit dem Überfall in der Kirche. Der Rondo-Charakter will sagen: Die Menschen lernen nicht. Grimmelshausen wird zitiert: „Adieu Welt, von dir ist nichts zu hoffen...“. Dabei soll die zur Schau getragene Schwarzseherei offenbar das Publikum zum Widerspruch provozieren: „Simplicissimus Teutsch“ ist ein Antikriegsstück.

Thomas Dannemann ist es allerdings mit seiner Bühnenbearbeitung nicht gelungen, den überbordenden barocken Stoff zu bändigen, er hat auch als Regisseur nicht energisch genug zum Rotstift gegriffen. Überdies fehlt dem Stück analytische Tiefe: Warum Menschen Krieg führen, wird nicht genug ergründet.

www.schauspielkoeln.de

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