Sibylle Bergs „Die goldenen letzten Jahre“ in Bonn

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Deutsche Presse-Agentur

Sibylle Berg bleibt sich auch in ihrem neuen Stück „Die goldenen letzten Jahre“ treu. Beherzt greift sie den wachsenden Konkurrenzdruck und Opportunismus in der Gesellschaft an.

Weit mehr Zuschauer waren in die Werkstatt, die Studiobühne des Bonner Theaters, gekommen, als Plätze vorhanden waren, viele saßen auf den Treppen. Die Uraufführung dauerte gerade mal eine gute Stunde - und das Publikum war begeistert. Schirin Khodadadian und ihr Ensemble konnten einhelligen Beifall verbuchen.

Schon die Beschreibung der wichtigsten Rollen deutet an, worum es geht: „Bea, Kinderlähmungsbeinschienen; Rita, unscheinbar; Uwe, übergewichtig und Paul, rothaariger Autist“. Die vier werden in der Schule ausgegrenzt, vom Lehrer wie von ihren Klassenkameraden, zu Haus von den Eltern, und sie brauchen lange, bis sie über diese traumatischen Erlebnisse hinwegkommen. Doch mit zunehmendem Alter, in den „goldenen letzten Jahren“, verwandeln sie ihre Schwächen in Stärken, machen sich unabhängig vor allem vom Urteil ihrer Mitmenschen, und genießen ihr Leben.

Sibylle Berg typisiert stark, die Übertreibung ist ihr Metier. Die Gegenspieler der ausgegrenzten Helden sind bösartige Alphatiere und die schlimmsten bilden die Masse der Mitläufer. Wie immer nimmt Berg kein Blatt vor den Mund. Die Courage der Dramatikerin, das Thema und die Konstruktion der Figuren gehören zu den Stärken des Stücks, allerdings sind eingefügte Liedtexte anfechtbar: „Da wird mal gar nicht nachgedacht, was jeder da am Morgen macht. Im Pendelzug mit Anzug an, Alphablick zum Nebenmann. Die Bank muss immer reicher werden, drum sind sie hier in großen Herden.“

Humorvolle Verse gehören zum Diffizilsten, was es gibt, das Leichte, das so schwer zu machen ist. Sibylle Berg will das nicht so ganz gelingen. Sie schafft keinen Aphorismus, der das Zeug zum geflügelten Wort hätte. Michael Barfuß hat die Gedichte einfühlsam vertont, hebt den Rhythmus hervor, aber auch ihm gelingt kein Ohrwurm - die Rechnung mit dem Singspiel ging nicht auf, obwohl das fünfköpfige Ensemble sich mächtig ins Zeug legte.

Dem Text ist mehr Heiterkeit eingeschrieben, als Schirin Khodadadian in ihrer Inszenierung der Uraufführung umsetzt. Trotzdem hatte die Vorstellung doch genug Schwung, um ganz im Sinne Sibylle Bergs Mut zu machen: gegen die Ausgrenzung, gegen zerstörerische Konkurrenz, für die Autonomie jedes Einzelnen, aber auch für mehr menschliches Miteinander.

www.theater-bonn.de

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