Schwangere gegen Covid-19 impfen? - Bisher keine Empfehlung

Schwangere gegen Covid-19 impfen?
Schwangere gegen Covid-19 impfen? - Bisher gibt es dazu keine generelle Empfehlung. (Foto: Caroline Seidel / DPA)
Deutsche Presse-Agentur
Gisela Gross und Sara Lemel

Selbst erfahrene Mediziner sprechen von besonders dramatischen Fällen: Frauen, die ein Baby erwarten, und wegen Covid-19 auf Intensivstationen versorgt werden müssen. Um die 30 Jahre alt, nicht vorerkrankt - teils wahrscheinlich angesteckt von eigenen Kindern, die sie schon haben.

Am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) versorgten Teams in den ersten Monaten 2021 schon sieben solcher Fälle. Im gesamten Vorjahr hatte es dort nur eine schwer an Covid-19 erkrankte Schwangere gegeben, wie der Direktor der Klinik für Intensivmedizin am UKE, Stefan Kluge, der Deutschen Presse-Agentur sagte. Mit zunehmender Virusverbreitung bei jüngeren Menschen und Kindern häufen sich auch solche, an sich seltenen Verläufe.

Erfahrungen wie in Hamburg, aber auch Studien zeigen: Wenn sich Schwangere mit Sars-CoV-2 infizieren, kann das riskant werden. Wie Kluge erklärt, ist das Immunsystem bei Schwangeren generell etwas herabgesetzt und die Sauerstoffaufnahme reduziert. In mehreren anderen Ländern wird ausdrücklich auch Schwangeren die Impfung gegen Covid-19 empfohlen, in der Regel mit mRNA-Präparaten.

In Israel hatten der Frauenärzteverband sowie das Gesundheitsministerium bereits im Januar eine Empfehlung zur Impfung schwangerer und stillender Frauen gegen das Coronavirus abgegeben. Es gab in dem Land mehrere Todesfälle schwangerer Frauen sowie Totgeburten nach einer Corona-Infektion. Israel hat die höchste Geburtenrate der westlichen Welt - mit durchschnittlich drei Kindern pro Frau.

Nach einer Corona-Impfung geben schwangere Frauen einer US-Studie zufolge die gebildeten Antikörper an ihr Baby weiter. Später könne es diese auch über die Brustmilch bekommen. In den USA haben sich schon mehr als 100.000 Schwangere impfen lassen. In Deutschland herrscht diesbezüglich Zurückhaltung - jedenfalls bisher.

Schwangere können zwar geimpft werden, es geht aber eher um Ausnahmefälle. In der Empfehlung der Ständigen Impfkommission (Stiko) heißt es: „Schwangeren mit Vorerkrankungen und einem daraus resultierenden hohen Risiko für eine schwere Covid-19-Erkrankung kann in Einzelfällen nach Nutzen-Risiko-Abwägung und nach ausführlicher Aufklärung eine Impfung angeboten werden.“

Eine Impfung aller Schwangeren wäre „äußerst sinnvoll“, erklärte der Präsident des Berufsverbands der Frauenärzte, Christian Albring, vor einigen Tagen. „Daten aus den USA und Großbritannien lassen erwarten, dass auch die Ständige Impfkommission, die Stiko, in absehbarer Zeit die Impfung Schwangerer propagieren wird.“

Schwangere mit Covid-19 erlitten prozentual häufiger schwere Krankheitsverläufe als Gleichaltrige nicht schwangere Frauen. Bei den erkrankten Schwangeren zeige sich ein Anstieg von Tot- und Frühgeburten und eine erhöhte Rate an Kaiserschnitten. „Eine von 25 erkrankten Schwangeren muss intensivmedizinisch behandelt werden. Wird hier eine Beatmung notwendig, so liegt die Sterblichkeit bei 2 Prozent“, so Albring.

In Kenntnis solcher Daten sprechen sich nun mehrere Fachgesellschaften wie die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) für eine priorisierte Impfung schwangerer und stillender Frauen mit mRNA-Präparaten aus. Dies solle nach „informierter partizipativer Entscheidungsfindung und nach Ausschluss allgemeiner Kontraindikationen“ geschehen, heißt es in der Stellungnahme, die der Deutschen Presse-Agentur vorlag. Für Frauenärzte bleibt es jedoch bei dem Problem, dass sie ohne generelle Stiko-Empfehlung im Fall von Komplikationen in zeitlicher Nähe zur Impfung nicht durch Staatshaftung geschützt sind.

Die Stiko beschäftige sich intensiv auch mit der Frage der Impfung von Schwangeren, teilte Marianne Röbl-Mathieu auf dpa-Anfrage mit. Sie ist die Vertreterin der DGGG in dem Expertengremium. Dass die Impfung nicht generell empfohlen wird, begründet sie mit bislang fehlenden Daten zu Sicherheit und Wirksamkeit. Die Stiko sichte und prüfe kontinuierlich „die sich entwickelnde Erkenntnis-Lage“ und werde die Impfung Schwangerer gegebenenfalls dann allgemein empfehlen, wenn die „vorliegende Evidenz“ dies zulasse. Bedenken muss man: In die ersten Zulassungsstudien waren Schwangere nicht einbezogen.

Erst kürzlich erschienen ist eine Studie im „New England Journal of Medicine“ mit Daten von mehr als 35.000 Frauen in den USA. Drosten fasste das Ergebnis so zusammen: Die Impfung sei „im Prinzip kein Risiko“. Schwangere hätten aber im Vergleich zu Nicht-Schwangeren nach der Impfung eher häufiger lokale Impfreaktionen wie einen schmerzenden Arm. Und für die vulnerabelste Phase, das erste Schwangerschaftsdrittel, könne man aus der Studie kaum etwas ableiten.

Der Virologe Christian Drosten sagte, ein Vorgehen wie etwa in Frankreich sei anhand der jetzt vorliegenden Daten zu unterstützen. Dort zählen Schwangere ab dem zweiten Schwangerschaftsdrittel zu den impfberechtigten Gruppen. Auch Österreich verfährt neuerdings so.

Zum Risiko für die Kinder infizierter Schwangerer kamen positive Nachrichten aus Schweden: Wissenschaftler werteten Daten zu fast 90.000 Geburten in dem Land im ersten Pandemie-Jahr aus und stellten fest, dass nur sehr wenige Neugeborene von positiv getesteten Müttern ebenfalls infiziert waren. Die 21 betroffen Babys hätten mehrheitlich keine Symptome gehabt, hieß es in einer Mitteilung zu der Studie, die im Journal „Jama“ erschienen ist.

© dpa-infocom, dpa:210503-99-444613/3

Stiko-Empfehlung

Empfehlung der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe

Cronos Registerstudie

Kekulé-Podcast

Studie im New England Journal of Medicine

Schwedische Studie/Jama

Podcast Coronavirus-Update

Joint Committee on Vaccination and Immunisation über Impfung Schwangerer

CDC - Zahlen zu geimpften Schwangeren in den USA

Jama Pediatrics - Maternal and Neonatal Morbidity and Mortality Among Pregnant Women With and Without COVID-19 Infection

Französische Impf-Gruppen

Ärzteblatt-Publikation zur Verläufen bei Schwangeren in Deutschland

Nature-Artikel "Pregnancy and Covid: what the data say"

Berliner Zeitung: Ringen um den Piks

Wir haben die allgemeine Kommentarfunktion unter unseren Texten abgeschaltet. Für einzelne Texte wird es auch weiterhin die Möglichkeit zum Austausch geben. Aufgrund der Vielzahl an Kommentaren können wir derzeit aber keine gründliche Moderation mehr gewährleisten. Mehr Informationen zu unseren Beweggründen finden Sie hier.
Kommentare werden geladen

Meist gelesen

Impftermin-Ampel: Jetzt mit Push-Nachrichten für Ihr Impfzentrum

Die Impftermin-Ampel von Schwäbische.de zeigt mit einem Ampelsystem Impfzentren der Region an, in denen es gerade freie Termine gibt. 

+++ JETZT NEU: Nutzer mit einem Schwäbische Plus Basic, Premium- oder Komplettabo können sich nun exklusiv und noch schneller per Pushnachricht aufs Handy über freie Termine bei Ihrem Wunsch-Impfzentrum informieren lassen. Hier geht es direkt zum Push-Service, Abonnenten können ihn sofort nutzen.

Nutzer ohne Abo können weiterhin die bestehende Impfampel auf dieser Seite hier nutzen.

In Baden-Württemberg gelten ab Samstag Lockerungen. Foto: Bernd Settnik/dpa-Zentralbild/dpa

Lockerungen im Südwesten ab heute - Die wichtigsten Fragen und Antworten

Endlich ein Glas in der Kneipe um die Ecke trinken, Kaffee- und Kuchen vor dem Café genießen oder auch mal ein Theaterstück unter freiem Himmel anschauen? Nach monatelanger Corona-Zwangspause empfangen Gastwirte und Kulturschaffende in mehreren baden-württembergischen Regionen von Samstag (15. Mai) an ihre ersten Gäste.

Voraussetzung: In ihrer Stadt oder ihrem Landkreis müssen die Corona-Zahlen an fünf Tagen nacheinander unter einer Inzidenz von 100 liegen.

In Tübingen war es zuletzt möglich, mit einem Tagesticket Freiheiten wie die geöffnete Außengastronomie zu genießen.

Landesregierung beschließt neue Öffnungsschritte für den Südwesten

Die Landesregierung von Baden-Württemberg hat am späten Donnerstagabend eine neue Corona-Verordnung beschlossen. Darin werden zahlreiche Öffnungsschritte festgelegt. 

Die Regelung soll laut Sozialministerium ab Samstag, 15. Mai gelten, wenn die Bundes-Notbremse in einem Landkreis außer Kraft gesetzt wird. Also wenn die Inzidenz an fünf Werktagen hintereinander unter 100 bleibt.

Dann dürfen folgende Einrichtungen öffnen, allerdings nur mit einem Test-, Impf- oder Genesenen-Nachweis:

Hotels und andere ...

Mehr Themen