Schmerz lass nach: Was gegen Migräne hilft

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Frau fasst sich an ihre Stirn
Die heftigen Kopfschmerzen setzen Betroffene oft für Stunden oder sogar Tage außer Gefecht. (Foto: Oliver Killig/dpa)
Alena Hecker

Oft als Frauenleiden unterschätzt, ist Migräne eine besonders perfide Erkrankung. Denn für Außenstehende sind die unerträglichen Kopfschmerzen unsichtbar. Viele Betroffene setzen ihre Hoffnung auf eine neue Spritze, die vorbeugend gegen Migräne helfen soll.

Kopfschmerzen kennt fast jeder. Der Medizin sind mehr als 300 verschiedene Arten bekannt. Eine davon ist Migräne. Etwa 900.000 Menschen sind hierzulande jeden Tag von Migräneattacken betroffen. 100.000 pro Tag sind wegen der Erkrankung sogar arbeitsunfähig und bettlägerig.

Bei Migräne pulsiert der Schmerz häufig in einer Kopfhälfte, oft kommen Übelkeit, Licht- und Lärmempfindlichkeit hinzu. Ein Anfall kann wenige Stunden bis zu drei Tage lang andauern. In etwa zehn Prozent der Fälle beginnt die Migräne-Attacke mit einer sogenannten Aura, dabei stören Lichtblitze und Farben die Sicht, es kann zu Gefühlsschwankungen und Sprachstörungen kommen.

Wenn Reize jedoch zu schnell, zu impulsiv, zu plötzlich oder alle auf einmal und andauernd einströmen, kann das Nervensystem überlastet werden, es entsteht ein Energiedefizit in den Nervenzellen und die Steuerung entgleist.

Prof. Hartmut Göbel

Betroffen von Migräneattacken sind meist besonders kreative und aktive Menschen, Frauen dreimal so häufig wie Männer. Hartmut Göbel, Professor und ärztlicher Direktor der Schmerzklinik in Kiel, weiß: „Migränepatienten haben eine ständige Reizbereitschaft und können daher durch innere und äußere Reize überflutet werden. Wenn Reize jedoch zu schnell, zu impulsiv, zu plötzlich oder alle auf einmal und andauernd einströmen, kann das Nervensystem überlastet werden, es entsteht ein Energiedefizit in den Nervenzellen und die Steuerung entgleist.“

Auslöser für die Migräne ist eine Überreizung des Hirnstamms. Die dadurch freigesetzten Nervenbotenstoffe führen zu Entzündungen und Gefäßerweiterungen an den Hirnhautarterien und rufen den typischen pulsierenden Kopfschmerz hervor. Dagegen helfen meist nur Medikamente.

Die Stiftung Warentest hat die Studienlage der gängigen Migräne-Mittel untersucht, 15 Wirkstoffe in rund 100 verschiedenen Präparaten. Ihr Fazit: Der Großteil aller erhältlichen Medikamente ist empfehlenswert. Bei leichten Migräneanfällen können rezeptfreie Präparate wie Aspirin, Paracetamol und Ibuprofen Linderung verschaffen. „Wichtig ist: Man muss es früh in der Attacke nehmen und man muss es ausreichend hoch dosieren, oft etwas höher als beim normalen Kopfschmerz“, so Bettina Sauer von der Stiftung Warentest. Nur von Kombipräparaten halten die Warentester grundsätzlich nichts: „Mehrere Schmerzwirkstoffe in einer Pille haben keinen therapeutischen Mehrwert, aber vielleicht vermehrte Nebenwirkungen.“ Genauso wenig empfehlenswert seien Kombinationen von Mitteln gegen Brechreiz und Schmerzen in einer Pille.

Bei stärkeren Attacken helfen meist Triptane. Die Arzneistoffe blockieren die Freisetzung von Nervenbotenstoffen, die unter anderem verantwortlich für die schmerzhaften Entzündungen an den Blutgefäßen des Gehirns sind. Während Schmerzmittel überall im Körper wirken, setzen Triptane genau dort an, wo die Krankheitsvorgänge der Migräne ablaufen. Grundsätzlich sind die Mittel gut verträglich. Werden sie jedoch öfter als zehnmal pro Monat eingenommen, können sie zusätzlich noch Kopfschmerzen auslösen.

Neue Wirkstoffe: Erenumab und Galcanezumab

Chronische Migräne-Patienten, die mehrmals im Monat einen Anfall erleiden, setzen ihre Hoffnung darum auf die Wirkung von Migräne-Spritzen. Seit letztem Herbst ist der Wirkstoff Erenumab auf dem Markt erhältlich, seit diesem Frühjahr Galcanezumab. Beide Wirkstoffe setzen im Gehirn an, wo Migräne entsteht. Die Spritze wird einmal im Monat vorbeugend unter die Haut gespritzt.

Zugelassen ist das Mittel für Erwachsene mit vier und mehr Migräne-Attacken im Monat, eine Anwendung kostet rund 700 Euro – und ist damit mehr als doppelt so teuer wie andere vorbeugende Medikamente. Chronische Migränepatienten können voraussichtlich mit einer Kostenübernahme ihrer Krankenkasse rechnen.

Laut Stiftung Warentest kann die verschreibungspflichtige Spritze vor allem bei häufigen, ernsten Attacken eingesetzt werden, wenn mehrere andere Vorbeugemittel versagen. In diesem Fall sei der Nutzen der Therapie besonders hoch. Trotzdem zeigen sich die Arzneimittelexperten noch zurückhaltend – etwa, weil noch nicht absehbar ist, welche Nebenwirkungen bei der Langzeitbehandlung auftreten können.

Die Spritze ist nicht die Lösung für Migräne-Patienten, aber aus unserer Sicht eine neue zusätzliche Option.

Hartmut Göbel

Erste Studien zeigen, dass drei von zehn Patienten auf das neue Migränemittel ansprechen. „Die Spritze ist nicht die Lösung für Migräne-Patienten, aber aus unserer Sicht eine neue zusätzliche Option für einige Menschen, die bisher keine Linderung erzielen konnten“, so Hartmut Göbel.

In jedem Fall sei das neue Mittel ein Fortschritt für einen Teil der Menschen, die zuvor erfolglos schon alles andere ausprobiert hätten. „Man kann aktuell jedoch nicht voraussagen, wer anspricht, sondern muss individuell prüfen, ob das Arzneimittel hilft. Auch der Mediziner gibt zu bedenken, dass zusätzliche Forschung nötig sei: „Bei den Studien haben bisher nur Patienten ohne Begleiterkrankungen teilgenommen.“ Grundsätzlich seien die neuen Migränemittel bei diesen zwar gut verträglich. „Aber man blockiert damit ein System im Körper, das die Natur uns mitgegeben hat.“

Abgesehen von allen Medikamenten ist es für Migräne-Patienten zusätzlich unabdingbar, den eigenen Lebensstil zu überdenken. Wer für einen geregelten Tagesablauf mit ausreichend Ruhepausen sorgt, macht den Kopf buchstäblich frei und weniger anfällig für Schmerzattacken. Ausdauersportarten wie Schwimmen, Joggen und Radfahren, aber auch Entspannungsübungen können vorbeugend und lindernd wirken. Ein Kopfschmerz-Tagebuch ist sinnvoll, um nachzuverfolgen, wann, wie oft und vielleicht auch warum eine Migräne-Attacke auftritt.

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