Schlöndorffs Oscar durchbrach eine Mauer

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Deutsche Presse-Agentur

In der Geschichte der Bundesrepublik bedeutete der Oscar 1980 für Volker Schlöndorffs Grass-Verfilmung der „Blechtrommel“ auch einen internationalen Durchbruch für den deutschen Nachkriegsfilm.

Erstmals war seit Kriegsende ein deutscher Spielfilm mit der begehrten Trophäe ausgezeichnet worden, nach dem Ehren-Oscar 1947 für den aus Berlin stammenden Hollywood-Regisseur Ernst Lubitsch für sein Lebenswerk und dem Oscar 1960 für den besten Dokumentarfilm („Serengeti darf nicht sterben“) von Bernhard Grzimek. Der inzwischen 70-jährige Schlöndorff sprach bei der Gala am 14. April 1980 von einem „Tribut an die Leistungen anderer deutscher Regisseure der Gegenwart“ und betonte, die „Tradition von Fritz Lang, Billy Wilder, Ernst Lubitsch und Friedrich Wilhelm Murnau“ fortsetzen zu wollen.

„Ich glaube schon, dass wir damals so eine Art Mauer in Amerika durchbrochen haben“, sagt Schlöndorff heute rückblickend in einem dpa-Gespräch. „Ich habe das erst nicht wahrhaben wollen, aber es kann schon sein, dass die deutschen Filme bis in die 60er und 70er Jahre in den USA und vor allem in Hollywood mit Vorbehalten angeschaut wurden. Das ist natürlich nun schon lange her und der Krieg ist auch lange hinter uns. Dennoch habe ich immer noch den Eindruck, dass die Themen aus Deutschland, die dort prämiert werden, immer noch mit Holocaust oder Stasi und dem Kalten Krieg zu tun haben. Weiter reicht das Interesse und die Fantasie Amerikas für Deutschland nicht. Europa ist für die sehr weit weg.“ Aber immerhin werde damit auch honoriert, dass diese Themen von den jüngeren deutschen Filmemachern verstärkt aufgegriffen werden, nachdem sich die deutsche Filmindustrie „ja lange dagegen gesträubt hat“.

In Europa hatte Schlöndorff schon 1966 in Cannes mit der Musil-Verfilmung „Der junge Törless“ sein vielbeachtetes Debüt abgeliefert, und dann später mit der Böll-Verfilmung „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ internationales Ansehen gewonnen. „"Törless" - das war natürlich meine Erfahrung mit dem Internatsleben“, schreibt er in seinen Memoiren („Licht, Schatten und Bewegung - Mein Leben und meine Filme“, Hanser Verlag). „Verführerisch fand ich diese Knaben, ihre Neugier, ihre wache Intelligenz, ihr Spiel mit der Macht, gereizt hat mich die Herausforderung, die Brücke zu schlagen zum deutschen Film von vor 1933.“ Es kann sein, meint der Regisseur, „dass man später bessere, auch erfolgreichere Filme macht, aber die Dringlichkeit und "Unschuld" des ersten Males kommt nie wieder.“

Aber der Ehrgeiz. Am Abend vor dem Drehbeginn der „Blechtrommel“ habe er „ziemlich vermessen dem Team das doppelte Ziel, Palme und Oscar, vorgegeben“. Tatsächlich gewann der Film 1979 auch die eine Hälfte der Goldenen Palme bei den Filmfestspielen in Cannes, zusammen mit Francis Ford Coppolas Vietnam-Kriegsepos „Apocalypse Now“.

Als nun beides erreicht war, beschäftigte den Filmemacher die Frage „Was nun? Jeder erwartete, dass ich in Hollywood bliebe.“ Selbst Steven Spielberg bot ihm eine Zusammenarbeit an. Aber Schlöndorff entschied sich für ein anderes Projekt, die Verfilmung des Romans des gerade verstorbenen jungen Berliner Schriftstellers Nicolas Born, „Die Fälschung“, über den Einsatz und die Selbstzweifel eines Reporters im Libanon-Krieg, mit Bruno Ganz in der Hauptrolle. „Natürlich wäre es schlauer gewesen, die Chance einer Karriere in Hollywood zu nutzen, aber warum nicht den Oscar als Aufforderung zu etwas ganz anderem begreifen?“

Auch wenn es „ein schöner Film“ geworden sei - es blieb ein Fehler, wie er heute rückblickend meint, auch wenn er später einige Jahre in den USA wieder arbeiten sollte. „Doch "Ich bereue nichts", um es mit Edith Piaf zu sagen. Allerdings habe ich dem Donnersmarck nach seinem Oscar gesagt: "Schmiede das Eisen, solange es heiß ist. In Hollywood wird viel ganz schnell wieder vergessen. Nach dem ganz großen Erfolg ist es nie gut, zu lange zu warten."“ Florian Henckel von Donnersmarck hat 2007 einen Oscar für das Stasi-Drama „Das Leben der Anderen“ gewonnen. Nach einiger Zeit der Ruhe um den Filmemacher ist er jetzt im Gespräch für ein neues Filmprojekt mit Tom Cruise.

Schlöndorff schien tatsächlich das Eis für den deutschen Film in Hollywood gebrochen zu haben, auch wenn es noch einmal ein Jahrzehnt Pause brauchte. 1990 folgte der Oscar für den besten kurzen Trickfilm („Balance“) von Wolfgang und Christoph Lauenstein, 1994 für Pepe Danquart und seinen Kurzfilm „Schwarzfahrer“, 1997 für den besten kurzen Trickfilm („Quest“) von Thomas Stellmach und Tyron Montgomery und 2001 für Florian Gallenbergers Kurzfilm „Quiero Ser - Ich möchte sein“ - Gallenbergers vielbeachteter Spielfilm „John Rabe“ ist gerade in die Kinos gekommen.

2003 und 2007 war Deutschland jeweils Sieger beim besten nicht- englischsprachigen Spielfilm mit Caroline Links „Nirgendwo in Afrika“ und Donnersmarcks „Das Leben der Anderen“ mit Ulrich Mühe. Und auch 2009 sollte Deutschland bei den begehrten Academy Awards der Amerikanischen Filmakademie nicht leer ausgehen - der bis dahin weniger bekannte Berliner Regisseur Jochen Alexander Freydank gewann den Oscar für seinen berührenden Kurzfilm „Spielzeugland“, allerdings dem Argwohn Schlöndorffs für „amerikanische Vorlieben im deutschen Film“ folgend mit einer Geschichte aus der NS-Zeit. Der Baader- Meinhof-Film von Uli Edel ging leer aus.

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