Schelmenroman „Für immer die Alpen“

Lesedauer: 6 Min
«Für immer die Alpen»
Cover des Buches „Für immer die Alpen“ von Benjamin Quaderer. (Foto: - / DPA)
Deutsche Presse-Agentur
Sebastian Fischer

Endlich Liechtenstein! Das zwischen Österreich und die Schweiz gepferchte Fürstentum bekommt seinen großen Roman. Den allerdings als Possenspiel. Benjamin Quaderer legt in seinem Debüt „Für immer die Alpen“ über das Leben des Hochstaplers Johann Kaiser ein ganzes Land auf die Streckbank. Dem 30-Jährigen, selbst in dem Alpenstaat aufgewachsen, gelingt eine Art moderner Eulenspiegel, eine absurde Persiflage, die im Literaturfrühling ihresgleichen sucht.

In der Nahaufnahme ist es ein grotesker Entwicklungsroman über den ausgebufften Filou Johann, dessen Leben darauf hinausläuft, dass er Kundendaten von Schwarzgeldkonten illegal an den deutschen Fiskus verrät. In der Totale schafft Quaderer die Karikatur eines Heimatschwanks über eines der reichsten Länder, das von Romanciers bisher weitgehend übergangen wurde.

Johann, der Mitte der 1960er als Säugling einen Mordversuch seiner Zwillingsschwestern überlebt, wird zum hochintelligenten Gauner. Sein Leben ist gezeichnet von Identitätenwechseln, Parforce-Fluchten und leichtherzig-fatalen Abenteuern. Einer, der am Ende vielleicht ein Held sein will, aber nie einer sein darf.

Der in Österreich geborene Quaderer (weil die Mutter nicht in Vaduz entbinden wollte) verfasst seit seinen Kindertagen Geschichten. Er studiert literarisches Schreiben in Wien und Hildesheim. Als nach fünf Jahren Arbeit sein 600-Seiten-Wälzer vor ihm liegt, lässt der Wahlberliner (Markenzeichen: Schiebermütze, Oberlippenbart) wissen: „Ich betrachte mein Frühwerk hiermit als abgeschlossen.“

Dazu gehören aber genauso 15 000 Twitter-Kurznachrichten. Darunter so wonniges Sottisen-Ping-Pong wie mit Buchpreisträger Sasa Stanisic („Herkunft“): „ich bin da aufgewachsen“, schreibt Quaderer über die Berge, „schon gruslig“. Stanisic: „ja geburt wappnet vor gebirg nich.“

Die Alpen, immer wieder dieses Massiv. „Neben ihrer Stetigkeit gehört es zum Wesensmerkmal von Bergen“, heißt es im Roman, „dass sie denjenigen, die in ihrem Schoß leben, die Sicht auf den Horizont nehmen“. Doch Protagonist Johann findet sich damit nicht ab. Als kleiner Junge, der trotz Eltern im Waisenhaus aufwächst, zieht er um die Häuserecken, als Teenager dann in die Welt.

Wie Hannibal einst auf Elefanten über die Alpen ritt, macht sich der 14-jährige Johann mit dem Moped auf nach Barcelona, um seine Mutter zu suchen. Dort geht er auf die Schweizer Schule. Um Anerkennung unter den Snob-Mitschülern zu erhalten, erfindet er kurzerhand eine neue Familiengeschichte. Er macht sich zum Spross des weltbekannten Liechtensteiner Werkzeugbauers Hilti. Eine Lüge, die ihm später im Leben noch arge physische Folter bereiten wird.

Quaderers Vorbild für seine Hauptfigur ist der reale Datendieb Heinrich Kieber. Der soll in den Nullerjahren Informationen über schwarze Konten deutscher Steuerhinterzieher bei der Fürstenbank LGT verkauft haben. Das hatte zu diplomatischen Verwerfungen zwischen Vaduz und Berlin geführt. Seit 2008 wird international nach ihm gefahndet. Doch lebt der heute 54-Jährige wohl mit Hilfe des deutschen Bundesnachrichtendienstes unter neuer Identität.

„Literatur hat den Vorteil der Fiktion“, sagt Quaderer im Gespräch mit seinem Lektor. Auch wenn etwas Reales zugrunde liege, gebe es immer Lücken. „Dort kann Literatur reingehen und spekulieren. Sie kann versuchen zu erklären, wie etwas geschehen sein könnte.“

Stilistisch greift der Berliner, der sich einmal als Perfektionist bezeichnete, in die Vollen. Manchmal kommt man seiner Überlust an sprachlichem Elan gar nicht hinterher. In der Tradition von David Foster Wallace oder Ronald M. Schernikau bewegt sich der 30-Jährige zwischen Bildungsroman und postmodernem Erzählen. Da gibt es Stränge in Fußnoten, groteske Pointen, gleichzeitig erzählte Parallelstorys, Protokollepisoden und Handlungslücken - alles ohne zu überfordern.

„Seitdem das Buch in Druck ist“, twittert Quaderer, „bin ich davon überzeugt, dass es besser gewesen wäre, alles komplett anders zu machen“. Reinstes Understatement ist das. Denn „Für immer die Alpen“ ist feinstes Pläsier. Nur Johanns Worte sollten nicht aus den Augen verloren werden: „Es könnte alles auch ganz anders gewesen sein.“

Benjamin Quaderer: „Für immer die Alpen“, Luchterhand, 592 S., 22,00 Euro, ISBN 9783630876139

Luchterhand über „Für immer die Alpen“

Luchterhand auf Facebook über Quaderer

Quaderer-Podcast u.a. über Entstehung des Romans

Quaderer auf Twitter

Quaderer auf Facebook

Quaderer-Tweet über Debüt

Quaderer-Tweet über Buch im Druck

Quaderer-Stanisic-Twitter-Austausch

„Liechtensteiner Vaterland“ über Quaderer

Magazin „Kul“ mit Quaderer-Interview

Fahndung der Liechtensteiner Polizei nach Kieber

Literatursalon Liechtenstein über Literaturszene des Landes

Literatursalon Liechtenstein über Literatur aus dem Land

Historisches Lexikon über Liechtensteiner Literatur

Die Kommentarfunktion ist für Sie aktuell gesperrt. Bitte wenden Sie sich an unseren Kundenservice für weitere Infos.
Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen

Mehr Themen