#allesdichtmachen: Spahn bietet Gespräch an

Deutsche Presse-Agentur

Nach der Internet-Aktion mehrerer Künstler gegen die Corona-Politik der Bundesregierung hat Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) den Initiatoren ein Dialogangebot gemacht.

Er könne sich gut vorstellen, das Gespräch miteinander zu führen, sagte Spahn am Freitag in Berlin. „Dass es Kritik und Fragen gibt an den Maßnahmen und den Hintergründen, das finde ich nicht nur normal, das finde ich in einer freiheitlichen Demokratie wünschenswert.“

Er habe sich noch nicht selbst alles anschauen können, sagte der Minister. Er fände es aber schade, „wenn der Eindruck da wäre, dass es nicht auch kontroverse, abwägende Diskussionen gibt“. Dies habe im Bundestag stattgefunden. „Es waren ja sehr kontroverse Diskussionen, gesellschaftlich, politisch, in ganz vielen Bereichen.“ Es sei auch nötig, das Vorgehen zu rechtfertigen, zu erläutern und abzuwägen.

Spahn äußerte Verständnis dafür, dass Künstler auf Härten der Krise aufmerksam machten. „Man ist Schauspieler geworden, weil man es liebt, weil man es gerne macht.“ Er könne gut verstehen, dass es wehtue, dies über Monate nicht ausüben zu können. Zugleich sei die Pandemie etwas, das sich alle nicht ausgesucht hätten.

Mit Zynismus ist doch keinem geholfen.

Elyas M'Barek

Dutzende prominente Schauspielerinnen und Schauspieler haben in einer koordinierten Aktion die Corona-Politik der Bundesregierung kritisiert. Unter dem Hashtag #allesdichtmachen verbreiteten Künstler wie Ulrich Tukur, Volker Bruch, Meret Becker, Ulrike Folkerts, Richy Müller oder Jan Josef Liefers am Donnerstag bei Instagram und auf der Videoplattform Youtube gleichzeitig ironisch-satirische Clips mit persönlichen Statements.

Neben einigem Lob für die Kampagne hagelte es auch umgehend Kritik von Schauspielkollegen. Christian Ulmen etwa postete auf Instagram lediglich den Satz: „Heute bisschen für Kollegen schämen.“ Elyas M'Barek schrieb: „Mit Zynismus ist doch keinem geholfen.“ Jeder wolle zur Normalität zurückkehren, und das werde auch passieren. Hans-Jochen Wagner nannte die Aktion peinlich.

Er verstehe sie nicht, schrieb der Schauspieler, der an Liefers gerichtet fragte: „Das kann doch nicht Dein Ernst sein.“ Nora Tschirner warf den Machern der Clips Handeln aus Langeweile und Zynismus vor.

Satiriker Jan Böhmermann hielt der Aktion bei Twitter entgegen, das einzige Video, das man sich ansehen solle, „wenn man Probleme mit Corona-Eindämmungsmaßnahmen hat“, sei die ARD-Doku aus der Berliner Charité mit den Titel „Station 43 — Sterben“. Dazu stellte er den Hashtag #allenichtganzdicht und einen weinenden Smiley.

„Die Schauspieler*innen von #allesdichtmachen können sich ihre Ironie gerne mal tief ins Beatmungsgerät schieben“, twitterte Moderator Tobias Schlegl, der auch Notfallsanitäter ist.

In den sozialen Medien stieß die Aktion teilweise aber auch auf Zustimmung: Beifall gab es etwa vom früheren Präsidenten des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Hans-Georg Maaßen, der die Aktion auf Twitter „großartig“ nannte. Der Hamburger Virologe Jonas Schmidt-Chanasit sprach von einem „Meisterwerk“, das „uns sehr nachdenklich machen“ sollte. Die AfD-Bundestagsabgeordnete Joana Cotar twitterte: „Das ist intelligenter Protest.“ Sie feiere Jan Josef Liefers.

Der äußerte sich wiederum in einem Tweet: „Eine da hinein orakelte, aufkeimende Nähe zu Querdenkern u.ä. weise ich glasklar zurück“, schrieb der 56-Jährige auf Twitter. „Es gibt im aktuellen Spektrum des Bundestages auch keine Partei, der ich ferner stehe, als der AfD. Weil wir gerade dabei sind, das gilt auch für Reichsbürger, Verschwörungstheoretiker, Corona-Ignoranten und Aluhüte. Punkt.“

In den Videos thematisierten die Schauspieler verschiedene Aspekte des Kampfs gegen die Pandemie: Liefers bedankt sich in seinem Clip etwa mit ironischem Unterton „bei allen Medien unseres Landes, die seit über einem Jahr unermüdlich verantwortungsvoll und mit klarer Haltung dafür sorgen, dass der Alarm genau da bleibt, wo er hingehört, nämlich ganz, ganz oben.“

Kunst- und Kulturszene leidet

Richy Müller atmet in seinem Clip abwechselnd in zwei Tüten und kommentiert ironisch: „Wenn jeder die Zwei-Tüten-Atmung benutzen würde, hätten wir schon längst keinen Lockdown mehr. Also bleiben Sie gesund und unterstützen Sie die Corona-Maßnahmen. Ich geh jetzt mal Luft holen.“

Die Kunst- und Kulturszene leidet seit mehr als einem Jahr schwer unter den Corona-Maßnahmen. Laut dem Bundesverband Schauspiel (BFFS) etwa haben viele der Schauspielerinnen und Schauspieler in Deutschland seit März 2020 kaum Einkommen. Dem Verband zufolge leben zwei Drittel bis drei Viertel aller Schauspielerinnen und Schauspieler von Gastverpflichtungen an Theatern, die aktuell nicht oder kaum arbeiten können. In Deutschland gibt es insgesamt etwa 15.000 bis 20.000 Schauspieler.

Das, was sich im Moment falsch anfühlt, ist schließlich bei aller Kritik im Detail im Kern richtig und notwendig.

Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda

Der Präsident des Deutschen Bühnenvereins, Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda, kritisiert die Aktion. Die Aktion zeige, „wie zunehmend fragil die Lage in unserer Gesellschaft ist“, sagte der SPD-Politiker der dpa in Berlin. „Sie zeigt auch, dass wir uns kümmern müssen und die Widersprüche unserer Zeit aussprechen und diskutieren müssen. Aber bitte konstruktiv und nicht bloß sarkastisch“, wandte Brosda ein.

„Das, was sich im Moment falsch anfühlt, ist schließlich bei aller Kritik im Detail im Kern richtig und notwendig“, sagte der Bühnenvereins-Präsident mit Blick auf die Corona-Maßnahmen. „Es ist wichtig, dass wir diese Widersprüche aushalten.“

Manche unserer Kolleg*innen haben sich an dieser Aktion beteiligt, manch andere verurteilen sie aufs Schärfste.

Bundesverband Schauspiel

Brosda wies darauf hin, „dass die Kultur gerade überproportional getroffen ist. Ironie und Sarkasmus aber lösen diese aktuellen Widersprüche in die falsche Richtung auf und drohen zynisch zu wirken. Bei allem Frust, kann Zynismus nicht die richtige Haltung sein.“ Brosda warb für „dialektische Zuversicht“: „Jetzt klar und wirklich konsequent gegen die Ausbreitung des Virus handeln, damit eine klare Perspektive für den Neustart der Kultur entsteht. So muss das gehen.“

Der Bundesverband Schauspiel (BFFS) erinnert unter anderem an die Menschen, die derzeit in Krankenhäusern arbeiten. „Manche unserer Kolleg*innen haben sich an dieser Aktion beteiligt, manch andere verurteilen sie aufs Schärfste“, teilte der Vorstand auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur am Freitag mit.

Hinzu kommt die Angst, unsere Jobs zu verlieren, bei uns die Angst, nicht mehr besetzt zu werden, nie mehr fürs Publikum spielen zu dürfen, unsere Altersvorsorge, unsere Lebensgrundlage und unsere Hoffnung zu verlieren.

Bundesverband Schauspiel

„Den meisten von uns geht es wie vielen in unserem Land: Wir sehnen uns verzweifelt nach einem Ende der Pandemie“, heißt es im Statement des Bundesverbands Schauspiel mit Sitz im Berlin. „Unsere Kinder leiden, unsere Angehörigen und Nachbarn leiden. In unserem Umfeld erkranken Menschen, manche sterben.“

Sie hätten wie viele andere im Land Existenzängste. „Wir haben Angst, selbst schwer zu erkranken, andere zu infizieren. Hinzu kommt die Angst, unsere Jobs zu verlieren, bei uns die Angst, nicht mehr besetzt zu werden, nie mehr fürs Publikum spielen zu dürfen, unsere Altersvorsorge, unsere Lebensgrundlage und unsere Hoffnung zu verlieren.“ Zwei Drittel bis drei Viertel von ihnen lebten von Gastverpflichtungen an Theatern, die aktuell nicht oder kaum arbeiten könnten.

„Wir sind allen Menschen zutiefst dankbar, die in den Krankenhäusern, Pflegestationen, Altenheimen, Schulen und Kitas sich der Seuche in aufopfernder Weise entgegenstellen“, erklärte der Bundesverband. „Auch sie werden Ängste haben und dennoch sind sie Tag für Tag, Überstunde um Überstunde für uns da — trotz schlechter Bezahlung -, auch wenn die Müdigkeit sie übermannt.“

„Wir leben zum Glück in einer Demokratie und müssen um den besten Weg aus dieser weltweiten Pandemie ringen und streiten“, hieß es in der Stellungnahme. In diesen demokratischen Prozess werde sich der Verband mit seinen tausenden Mitgliedern zusammen mit anderen Gewerkschaften „konstruktiv und leidenschaftlich“ einbringen.

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