Roman zum Frösteln: „Die Hochhausspringerin“

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«Die Hochhausspringerin»
Julia von Lucadou lässt unsere finstersten Alpträume wahr werden. In ihrem Debütroman erzählt sie vom Terror der Selbstoptimierung und totalen Kontrolle in einer aseptischen Zukunftsgesellschaft. (Foto: Hanser Berlin / DPA)
Deutsche Presse-Agentur
Sibylle Peine

Die schöne neue Welt ist glänzend, stylisch, durchkommerzialisiert und optimiert. Die Menschen in ihren coolen Designerwohnungen und gläsernen Bürotürmen sind angepasst an dieses makellose Ambiente.

Dank eines perfekten Systems der Selbstkontrolle mittels Fitness-Tracker und Social Credit Points wissen sie jederzeit, wo sie im Ranking stehen. Rufen sie ihr Leistungspotenzial ab? Erfüllen sie die Vorgaben noch? Falls nicht, werden sie umgehend zum Objekt einer fürsorglichen Belagerung. „Mindfulness-Übungen“ und „Mind Cleansing Sessions“ sollen das Leben dieser aus der Spur gekommenen Menschen wieder ins Lot bringen. Kontrollverlust, Selbstaufgabe darf es nicht geben: „The show must go on.“

Julia von Lucadous (36) hat in ihrem Debütroman „Die Hochhausspringerin“ ein düsteres Zukunftsszenario entworfen, das gerade deshalb so beängstigend ist, weil die Wirklichkeit sich dieser Dystopie in mancherlei Hinsicht schon annähert. Man denke nur an das ausgefeilte Überwachungssystem in China, bei dem Millionen von Gesichtern täglich gescannt und gutes oder schlechtes Verhalten mit einem Social Credit System belohnt oder bestraft werden. Alarmierende Entwicklungen, die die Autorin wohl beim Schreiben vor Augen hatte.

Die Hauptfigur des in einem namenlosen Land, in einer namenlosen Stadt spielenden Romans ist die Psychologin Hitomi. Ihr Job besteht darin, die Hochhausspringerin Riva zu überwachen und zu betreuen. Riva ist Kult, übt sie doch einen Extremsport aus. Das Leben dieses Superstars der Gesellschaft ist komplett vermarktet und transparent. Jede Aktivität wird von Millionen Followern begleitet und von mächtigen Firmen gesponsert.

Dann eines Tages der Gau: Riva will nicht mehr. Sie verweigert den Sport, zieht sich zurück, privatisiert. Für die Sponsoren wird das zum Problem und Hitomi gerät unter Druck. Denn sie muss es schaffen, Riva wieder zum Springen zu animieren. Die Psychologin attestiert der Sportlerin eine handfeste Depression, einen Burnout. Doch Hitomis Auftraggeber halten diese Diagnose für „veraltet“. Die neue Gesellschaft, in der jeder gewissenhaft an seiner Stabilität arbeitet, kennt kein Burnout.

Rivas Kontrollverlust wird mehr und mehr zu Hitomis Kontrollverlust. Sie schläft schlecht, vermasselt ein Date. Ihr Vital Score Index sinkt, ihr Social Credit ebenfalls. Ein Desaster für die Aufsteigerin, die einst in einem Institut gecastet wurde und den beneideten Aufstieg in die Glitzerstadt schaffte. Scheitert sie, droht ihr der Abstieg in den Schmutz der Peripherien, aus denen sie einst kam.

In ihrer Verzweiflung engagiert Hitomi einen unkonventionellen Blogger aus eben jenen Peripherien und schleust ihn bei Riva ein. Vielleicht gelingt es diesem jungen Mann, den Star umzustimmen? Doch die gewagte Undercover-Aktion beschleunigt nur die Katastrophe.

Julia von Lucadou hat einen Roman zum Frösteln geschrieben. In einer äußerst spannenden Geschichte erzählt sie von einer Gesellschaft, in der alles bemessen, bewertet, getrackt und vermarktet wird. Das beginnt bei der Arbeit, geht über die eigene Fitness und Gesundheit und reicht bis zu Liebesbeziehungen, die sich nach strengen Vorgaben abspielen. Auch Wellness und Meditation dienen hier keineswegs der Selbstfindung, sondern sind Reparaturmaßnahmen zum Weiterfunktionieren in einer extremen Leistungsgesellschaft. Auf der Strecke bleiben Humanität, Spontaneität, Muße und fröhliche Unordnung. „Lassen Sie das Chaos zu!“, ist denn auch ein Schlüsselsatz des Romans, den jedoch keiner der abgerichteten Protagonisten mehr erfüllen kann.

- Julia von Lucadou: Die Hochhausspringerin, Hanser Verlag, München, 284 Seiten, 19,00 Euro ISBN 978-3-446-26039-9.

Die Hochhausspringerin

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