Rodin als Vorbild und Feindbild in Paris

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Deutsche Presse-Agentur

Nur wenige Künstler lösten eine solche Hassliebe aus wie der Bildhauer Auguste Rodin.

Unter dem Titel „Oublier Rodin? La sculpture à Paris, 1905 - 1914“ (etwa: Rodin vergessen? Die Skulptur in Paris, 1905 - 1914) zeigt das Pariser Musée d'Orsay insgesamt 130 Werke, überwiegend Skulpturen, von mehr als 30 Künstlern, die den Meister der Bildhauerkunst zugleich bewunderten und verachteten. „Ich hasste Rodin, der in Mode war. Seine Skulpturen erinnerten an Papiermaché auf einem Sockel, auf dem Kadaver aus Pompeji zusammengekrümmt liegen“, sagte etwa der ukrainisch-amerikanische Künstler Alexander Archipenko (1887-1964). Im Mittelpunkt der Ausstellung steht die Überwindung des Einflusses Rodins. Die Exponate, darunter zahlreiche Werke des bedeutendsten Bildhauers der klassischen Moderne Deutschlands, Wilhelm Lehmbruck, sind bis zum 31. Mai zu sehen. Danach geht die Ausstellung nach Madrid (23. Juni - 4. Oktober).

Der provozierende Titel der Schau spiegelt die Stimmung zu Beginn des 20. Jahrhunderts wider, die der französische Dichter und Kunstkritiker André Salmon folgendermaßen zusammenfasste: „Knapp zehn Jahre lang gaben sich die unglücklichen neuen Bildhauer mit Leib und Seele ihrer Revolution hin: der Zerstörung, der Verneinung Rodins.“ Und so zeigt die Ausstellung in einer gelungenen Präsentation und anhand zahlreicher Schlüsselwerke, wie eine moderne junge europäische Künstlergeneration allmählich aus dem Schatten des Meisters trat und nach neuen Formprinzipien suchte.

Den Auftakt bilden Werke von Henri Matisse, Pablo Picasso und Julio González, die in direkter Nachfolge Rodins standen. Das expressive und fragmentarische Rodins spiegelt sich eindrucksvoll in dem „Leibeigenen“ von Matisse aus dem Jahr 1900-1903 wider. Rodin widersetzte sich den erstarrten Schönheitsidealen und schuf gewölbte und ineinander verrenkte Figuren. Das „Hässliche ist schön“ wurde zu einer Art Credo des Bildhauers, der das Fragmentarische bewusst als ausdruckstragendes Stilmittel einsetzte.

Mit Constantin Brancusi, Aristide Maillol, Joseph Bernard werden die Menschenkörper wieder glatter und eleganter. Der Künstler Maurice Denis nannte den Stil der oft üppigen Frauenskulpturen Maillols „primitiv klassizistisch“. Einfache und stark stilisierte Körperformen entwarf auch Brancusi, der zusammen mit Ossip Zadkine zu einem der heftigsten Kritikern Rodins gehörte. Der letzte Ausstellungsteil widmet sich ausschließlich dem Werk Lehmbrucks, der sich 1910 in Paris niederließ und dort bis zum Kriegsausbruch im Jahr 1914 lebte.

Lehmbruck habe erst Rodins gegossenes „Höllentor“ gebraucht, um sich mit dessen Stil zu konfrontieren. „Lehmbruck begegnete zunächst dem Werk Maillols, bevor er sich mit dem Kunstverständnis Rodins auseinandersetzte“, sagte der Direktor der Duisburger Stiftung Wilhelm Lehmbruck Museum Christoph Brockhaus. In der Ausstellung sind insgesamt 38 Gemälde, Zeichnungen und Skulpturen von Lehmbruck aus dem Duisburger Museum zu sehen. Die meisten Frauen- und Männerskulpturen drücken Leid und Elend aus, sind überlang und ohne individuelle Gesichtszüge. Unter den ausgestellten Werken des Künstlers, der sich im März 1919 das Leben nahm, befinden sich auch der berühmte „Gestürzte“ und die „Kniende“.

www.musee-orsay.fr

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