Rockstar der Mode-Branche: Grace Coddington wird 80

Grace Coddington + Anna Wintour
Zwei Mode-Ikonen: Anna Wintour und Grace Coddington. (Foto: Etienne Laurent / DPA)
Deutsche Presse-Agentur
Christina Horsten

Als Kind habe sie eigentlich Rockstar werden wollen, erzählte Grace Coddington einmal dem britischen „Guardian“. „Aber ich bin unmusikalisch und sehr schüchtern, also war das ein Hirngespinst.“

Aber das frühere Model sei trotzdem Rockstar geworden - zumindest in der Mode-Branche, sagte ihre Chefin Anna Wintour einmal der „New York Times“. Fast 30 Jahre lang arbeitete Coddington beim US-Modemagazin „Vogue“, bis sie sich 2016 aus dem Joballtag der Kreativdirektorin zurückzog.

Seitdem verfolgt die Frau mit den berühmten roten Haaren, die an diesem Dienstag 80 Jahre alt wird, eigene Projekte, arbeitet aber auch immer noch mit ihren früheren Kollegen der „Vogue“ zusammen. „Es ist nur eine andere Herangehensweise. Ich gehe auf keinen Fall in Rente. Ich will nicht einfach nur herumsitzen.“

Außerhalb der Mode-Branche bekannt wurde Coddington 2009 als Überraschungsstar des Dokumentationsfilms „The September Issue“. Das war eigentlich ein Film über die legendär-eisige „Vogue“-Chefredakteurin Wintour und die legendär-dicke September-Ausgabe der Mode-Bibel - aber Coddington stahl mit ihrer wallenden roten Haarmähne, mit kreativen Ideen, schier unendlicher Sturheit und andauernden Auseinandersetzungen mit Wintour allen anderen die Show.

Dabei war sie anfangs gar nicht begeistert von der Idee eines Dokumentarfilms. „Meine Reaktion auf diese aufdringliche Idee war natürlich eine des Grauens, weil ich schon immer der Meinung war, dass die Menschen sich auf ihre Jobs konzentrieren sollten und nicht auf diesen modischen „Ich will ein Star sein“-Blödsinn.“ Aber danach musste auch Coddington zugeben: „Dieser Film ist der einzige Grund, dass man jemals von mir gehört hat.“

Seitdem veröffentlichte sie mehrere Bücher, unter anderem eine Autobiografie, moderierte eine Interview-Sendung und arbeitete mit zahlreichen Designern zusammen. Dabei sei sie eigentlich „ein bisschen ein Feigling“. Sie bekomme leicht Panik, sei außerdem „methodisch langsam, was manche Menschen in den Wahnsinn treibt“.

Als „einsames und kränkliches“ Kind wuchs die heutige Mode-Ikone im Hotel der Eltern auf der spärlich bevölkerten Insel Anglesey vor der Nordwestküste von Wales auf, wie sie in ihrer Autobiografie schreibt. Coddingtons Job-Aussichten damals: „entweder Mitarbeiterin einer Uhren-Fabrik oder eines Snack-Shops.“

Aber schon als Kind liebt der Katzen-Fan „schöne Anziehsachen auf schönen Fotos“ und zieht mit 18 Jahren nach London, um Model zu werden. Bei ersten Shootings verdient Coddington etwa drei Euro pro Tag und muss sich selbst schminken. Kurz darauf zerstört ein schlimmer Autounfall, bei dem die Scherben des Rückspiegels Coddingtons linkes Augenlid zerschneiden, alle Topmodel-Träume.

Sie startet eine zweite Karriere als Mode-Redakteurin und arbeitet schon bald mit bekannten Models wie Nadja Auermann, Naomi Campbell und Natalia Vodianova („mein Lieblingsmodel“) sowie Star-Fotografen wie Mario Testino (anfangs ein „nerviger Junge“), Annie Leibovitz („nicht gerade der glückliche Party-Typ“) und Helmut Newton zusammen. Newton habe sie immer nackt fotografieren wollen, schreibt Coddington. „Eines Tages sagte er dann zu mir: „Weißt du noch, wie ich dich immer nackt fotografieren wollte, bevor es zu spät ist? Jetzt ist es zu spät.““

Coddington, die zweimal geschieden ist und keine Kinder hat, knutschte Mick Jagger, schminkte Prince Charles und wurde nach dem frühen Tod ihrer Schwester vom Schuh-Designer Manolo Blahnik getröstet - während sich die Branche um sie herum im Eiltempo veränderte, Fotoshootings über die Jahre von „drei entspannten Wochen“ auf „drei hektische Tage“ verkürzt und Hollywood-Stars zu „Vogue“-Covermodels wurden.

Von der Corona-Pandemie erhofft sich Coddington, die die Zeit mit ihrem Partner Didier Malige auf Long Island bei New York verbringt, nun eine dringend benötigte Atempause und einen Neuanfang für ihre Branche.

„Die Designer sind erschöpft“, wurde sie kürzlich in der „Vogue“ zitiert. „In den vergangenen Jahren haben ihre Marken nie eine Pause eingelegt - sie sollten sich ausruhen. Sie sollten die Möglichkeit nutzen, sich auszuruhen. Wir können als Magazine schauen, wie wir sie relevant machen können - sie waren auf dem Weg dahin, irrelevant zu werden. Man muss langsamer werden und weniger machen, aber dafür besser. Es geht um Qualität, Qualität, Qualität.“

© dpa-infocom, dpa:210414-99-196864/3

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