Road-Trip: Vater und Tochter auf der Flucht

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«Die Rache der Polly McClusky»
Jordan Harper nimmt die Leser mit auf einen Road-Trip: „Die Rache der Polly McClusky“. (Foto: Ullstein-Buchverlage / DPA)
Deutsche Presse-Agentur
Frauke Kaberka

Wenn Road-Trips im Verbrechermilieu angesiedelt werden, ist von vornherein klar: Hier wird es schwer gewalttätig.

Es gibt einige Parallelen beim Handlungsverlauf zwischen dem vorliegenden Roman „Die Rache der Polly McClusky“ des Amerikaners Jordan Harper und solchen Gangsterfilmen wie „Bonnie and Clyde“ (1967), aber noch mehr Unterschiede. Vor allem ein Detail ist wesentlich: Hier suchen nicht zwei Erwachsene, sondern Vater und Tochter ihr Heil in der Flucht auf der Straße - Gesetzesüberschreitungen inklusive.

Zum anderen zieht die elfjährige Polly nicht freiwillig mit ihrem Erzeuger durch die Lande, sondern wird von ihm mehr oder weniger gekidnappt, als sie aus der Schule kommt. Das wiederum weckt Assoziationen zu dem Film „Perfect World“ (1993). Doch hat der vorliegende Roman, zu dem der Autor höchstselbst gerade das Drehbuch für eine geplante Verfilmung schreibt, seinen ganz eigenen Duktus.

Bestimmt wird dieser vom eigenwilligen Charakter der beiden Hauptpersonen. Der Vater: wortkarg, derb, kaltschnäuzig, reichlich ausgestattet mit Beschützerinstinkt und ferngesteuert von einem toten Bruder. Die Tochter: introvertiert, schüchtern und doch voller innerer Revolte, intelligent, fantasiebegabt und meisterlich im Übertragen von Gefühlen und Gedanken auf ein Stofftier. Und so muss ein alter Teddybär herhalten für Pollys emotionale Eruptionen, was selbst ihren hartgesottenen Dad verblüfft.

Natürlich hat Nate McClusky Gründe für sein Handeln. Doch Polly, die überzeugt ist, von der Venus zu stammen (äußerlich still und ruhig, innen verursachen ätzende Wirbelstürme ein Chaos), braucht Zeit, um sie zu begreifen. Zunächst ist das Mädchen paralysiert, vor allem, als es nebenbei hört, dass die Mutter und der Stiefvater brutal ermordet wurden. Polly glaubt, ihr Vater, der soeben aus dem Knast entlassen wurde, sei es gewesen. Sie will fliehen. Es gelingt nicht.

Was folgt, ist ein andauernder, gewaltfreier schweigender Kampf mit Nate, doch endlich begreift sie: Es geht um ihr Leben. Und natürlich das ihres Vaters. Der Boss einer einflussreichen Gangstergruppe hat einen Hinrichtungsbefehl gegen alle Mitglieder der McClusky-Familie erlassen, wobei er auch andere Gangs mit einem Kopfgeld für die Vollstreckung köderte. Nate weiß, dass die Polizei ihm nicht helfen wird oder kann. Mit zunehmender Rasanz, aber auch Brutalität gestalten sich die kommenden Wochen auf der Straße, in diversen Autos, in verschiedenen Städten.

Aus Vater und Tochter wird ein Gespann. Sie sind Überlebenskünstler. Und doch weiß Nate, dass es so nicht weitergehen kann. Der raue Kerl mit der harten Schale zeigt seinen weichen Kern. Was er nie für möglich gehalten hatte: Seine Tochter wird sein Ein und Alles. Und auch umgekehrt. Polly merkt, dass sie den harten Mann nicht nur zum Überleben braucht. Doch mit Idylle hat dieses familiäre Zusammenwachsen rein gar nichts zu tun, denn die Ursachen dafür bleiben die gleichen.

Und so schildert Harper seine Geschichte mit einer Wucht, die den Leser nach Luft schnappen lässt. Oder wie „The Huffington Post“ schreibt: Die Story „schlägt ein wie das sanfte Brennen eines Schluck Whiskeys und trifft tief in den Bauch mit seiner Tour de Force“. Wer meint, auch nur halbwegs mit dem US-amerikanischen Rechtssystem samt seinen Ermittlungsbehörden aus Literatur und anderen Medien vertraut zu sein, kann seine gesammelten Erkenntnisse über Bord werfen. Die Realität nach diesem spannenden Roman ist ungleich härter und weniger auf Happy End ausgerichtet.

Dementsprechend ist die Sprache Harpers auch kompromisslos, die Protagonisten zumeist verroht und erbarmungslos - im günstigsten Fall dämlich oder feige. Und nur in Ausnahmefällen gut und menschlich. Und seine indirekte Kritik an der Rechtsordnung erinnert mitunter an die eines John Grisham. Ja, es ist nur die eine Seite eines Staates, die der 1976 in Missouri geborene Harper hier beschreibt. Aber es ist genau die Seite, die ein großes gesellschaftliches Manko aufzeigt, das nicht nur auf die USA beschränkt und auch anderswo Brutstätte für Kriminalität und Terrorismus ist: die riesige soziale Diskrepanz, aus der die schwächsten Glieder nur selten als Gewinner vom Platz gehen.

Was sich der Autor und Drehbuchautor, der im Übrigen auch als Lead Writer für die Fernsehserien „Gotham“ und „The Mentalist“ agierte, für das Ende seines Road-Trips ausgedacht hat, ist überraschend und passend. Man mag an „Polly McClusky“ sicher auch Schwächen ausmachen, wie die so schnell kaum nachvollziehbare Veränderung des Mädchens. Man kann Harpers Straßen-Slang abstoßend finden, sein Buch auch als zu brutal ablehnen. Fakt aber ist, dass der Autor genau damit die Seele berührt und einfach nur Menschlichkeit einfordert.

- Jordan Harper: Die Rache der Polly McClusky, Ullstein Verlag, Berlin, 288 Seiten, 15,00 Euro, ISBN 978-3-5500-8150-7.

Die Rache der Polly McClusky

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