Richtungsstreit beim deutschen Kabarett

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Schwäbische Zeitung

Hamburg (dpa) - Einige Zeit schon schwelt er - der Kleinkrieg um das politische Kabarett im deutschen Fernsehen. Nun wird der Schlagabtausch der Protagonisten persönlicher und pointierter.

Es geht um nichts anderes als die deutsche TV-Schicksalsfrage: Haltung oder Unterhaltung - wie viel Comedy verträgt das deutsche Kabarett?

Im Konzept-Streit um den „Scheibenwischer“-Nachfolger „Satire-Gipfel“ (Start am 19. März/ARD) hat sich Mathias Richling (55) jetzt gegen jede Form von „Humor-Fundamentalismus“ gewandt - und damit direkt „Altmeister“ Dieter Hildebrandt attackiert. Der 81-Jährige hält „den genialen Parodisten“ Richling nicht für geeignet, eine politische Kabarett-Reihe im Fernsehen zu führen. Hildebrandt, der der neuen Richling-Sendung den Titel „Scheibenwischer“ entzog, will auf keinen Fall Kabarett-Comedy - „dass mir der Spaß vorgetäuscht wird, als hätte er einen politischen Inhalt“.

Richling, der mit neuem Konzept und Comedians noch schneller auf Neues reagieren will und damit auch auf ein junges Publikum zielt, sieht seinen ehemaligen „Chef“ auf völlig falschem Weg. Dem Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ sagte Richling: „Auch ein einzelner Papst kann nicht dogmatisch festlegen, was Kabarett zu sein hat, und abweichende Vorstellungen der Exkommunikation unterwerfen.“ Und im „Focus“ spricht er Hildebrandt gar jede Form von Objektivität ab, auch in der Beurteilung von Kollegen.

Im „Spiegel“ zieht der Ex-Hildebrandt-Mitstreiter dann so richtig - und ohne jede erkennbare Ironie - vom Leder: „Ich wollte nie das Hildebrandt-Kabarett, das nur einer einzelnen Partei, in dem Fall der SPD, hörig ist.“ SPD-Wahlkämpfer Hildebrandt habe 1972 die „Münchner Lach- und Schießgesellschaft“ aufgelöst, weil er sein kabarettistisches Ziel, die SPD und Willy Brandt an die Regierung zu bringen, erreicht hatte. „Das ist eine freiwillige Abhängigkeit, von der ich immer glaubte, dass sie eines Kabarettisten eigentlich unwürdig ist.“

Was denn nun? E-Kabarett oder U-Kabarett wie der urdeutsche Streit über die angebliche Unvereinbarkeit von E-Musik (ernst) und U-Musik (unterhaltend) - oder doch beides zusammen? Hildebrandt selbst hat nach eigenen Angaben nichts gegen Comedians, manche wie Hape Kerkeling und Bastian Pastewka hält er gar für großartige Künstler. Und schließlich hat er selbst den „lustigsten“ (Richling) in den „Scheibenwischer“ geholt.

Hildebrandt geht es letztlich um die Prioritäten im politischen Kabarett. Der ehemalige „Scheibenwischer“-Chef möchte nicht, dass sich TV-Kabarett nur mit Nebenthemen beschäftigt. Er will, „dass Hauptthemen drin sind“. Richling hält dagegen, wer komisch sei, müsse nicht automatisch unpolitisch sein. 

Witzereißen ohne Ende gegen Volkserzieher-Kabarett? Hildebrandt sagt, er habe nie nur ernsthaftes und belehrendes Kabarett machen wollen. „Ich habe immer Lust am Kalauer gehabt.“ Richling meinte im „Focus“, ohne zu kalauern, dass „Altgenosse Hildebrandt kein politisches Kabarett kann, sondern immer nur parteipolitisches“.

Kabarett kann auch unfreiwillig komisch sein.

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