Richard David Precht erkundet die Liebe

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Deutsche Presse-Agentur

Es gibt wohl kaum ein Thema, das so zeitlos und gleichzeitig so gefragt ist wie die Liebe: In Literatur, Film, Kunst, Natur- und Geisteswissenschaften fordert das Phänomen die Menschen seit Jahrhunderten zu immer neuen Bildern, Spekulationen und Theorien heraus.

Wen lieben wir und warum? Gibt es die ewige Liebe? Ist Liebe gleich Sex oder nicht? Der Bestsellerautor Richard David Precht („Wer bin ich und wenn ja, wie viele?“) legt nun mit seinem neuen Buch „Liebe. Ein unordentliches Gefühl“ Erörterungen über Wesen und Wirken der romantischen Liebe vor und trifft damit den Geist der Zeit.

„Wir versuchen heute in einer Liebesbeziehung alles unter einen Hut zu bringen: Prickelnde Leidenschaft auf der einen und vertrauliche Geborgenheit auf der anderen Seite. Und das am besten auf Dauer“, sagte der Autor in einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur dpa in Köln. „Das ist eine Quadratur des Kreises, eine Fiktion, die nur in den seltensten Fällen real wird.“ Der 44-Jährige, der in Köln und Luxemburg lebt, verbindet im neuen Buch wie schon in seinem vorherigen Psychologie, Biologie und Soziologie und versucht damit, das Phänomen der Liebe philosophisch zu „durchleuchten“.

Precht ist indes selbst ein Phänomen: Mehr als ein Jahr ist es nun her, dass der Roman- und Sachbuch-Autor seine populärwissenschaftliche Abhandlung „Wer bin ich und wenn ja, wie viele?“ herausbrachte, und er hält sich damit bis heute in den oberen Rängen der „Spiegel“-Bestsellerliste. Einige Medien erklärten ihn gar zu Deutschlands „Starphilosoph“. Auch bei der Untersuchung der Liebe greift Precht, selbst verheiratet und Vater von einem leiblichen Sohn und drei Stiefkindern, auf Konzeptionen bekannter bis unbekannter Philosophen zurück, wobei allerdings - wie schon im Vorgänger - einige wichtige Denker auf der Strecke bleiben.

Gegen Prechts Methode ist im Grunde nichts einzuwenden, ist es doch an sich begrüßenswert, wenn philosophische Thesen und Theorien auch interdisziplinär betrachtet und einer großen Leserschaft zugänglich gemacht werden. Allerdings geht bei dieser Breite die Tiefe verloren, viele alte und neue wichtige Theorien kommen zu kurz. Auch erfährt man nur wenig über die Diskussionen in der zeitgenössischen Philosophie, wo Theorien der Liebe und Gefühle derzeit Konjunktur haben.

Gerade hier wäre es spannend, den neuesten Stand der Forschung aus dem angloamerikanischen und deutschsprachigen Raum mit den anderen Disziplinen in Verbindung zu bringen. Umso zeitdiagnostischer verfährt Precht, und bietet in dieser Hinsicht durchaus Denkanstöße. So schreibt er: „In der Liebe erwarten wir heute so viel wie möglich. In unseren Beziehungen suchen wir vielleicht noch immer einen sozialen Halt. Mehr noch aber suchen wir eine Idealmöglichkeit zur Selbstverwirklichung - in der romantischen Liebe.“

Es werde immer leichter, einen Partner zu finden, aber auch schwieriger, ihn zu halten, sagte Precht der dpa. „Wir leben, was die Liebe betrifft, in einer optimalen Zeit mit optimalen Möglichkeiten. Aber parallel dazu sind die Ansprüche an uns selbst und den geliebten Partner enorm gestiegen.“ Es herrsche ein starkes Bedürfnis nach Abwechslung und „Kicks“. Treue werde seltener, „dafür aber umso kostbarer“.

Solche Phänomene bewusst zu machen, ist Prechts Anliegen. Tipps will er dabei keine geben: „Aus diesem Buch werden Sie nichts lernen, das Ihre Fähigkeiten im Schlafzimmer verbessert.“ Jeder Einzelne werde in unterschiedlicher Hinsicht in der Liebe glücklich.

Richard David Precht

Liebe. Ein unordentliches Gefühl

Goldmann Verlag, München

400 S., Euro: 19,95

ISBN 978-3-442-31184-2

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