Retrospektive zu Jean Dubuffet in Neuss

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Deutsche Presse-Agentur

Wilde Gestalten mit Ballonköpfen, Kartoffelnasen und Wurstarmen sind sein Markenzeichen: Mit ihnen wurde Jean Dubuffet zu einem der wichtigsten Maler-Pioniere des 20. Jahrhunderts, der den Alltag und die Abgründe der Seele durch seine Kunst „salonfähig“ gemacht hat.

Den bedeutenden französischen Künstler (1901-1985) stellt jetzt eine große Retrospektive bei Neuss vor. Die Langen- Foundation vor den Toren der rheinischen Stadt zeigt von diesem Sonntag an (bis 24. Mai) rund 50 Werke des Weinhändler-Sohnes aus Le Havre, der erst mit 41 Jahren endgültig zur Kunst gefunden hat.

In seinen Bildern aus Gips, Teer und Ölfarbe mischt sich die „naive“ Malerei von Kindern mit der „Rohheit“ von Wandkritzeleien. Die Bilder aus vier Jahrzehnten, mit denen sich Dubuffet gegen alle bürgerlichen Kunstkonventionen stemmte, scheinen in ihrem Reichtum an Motiven, Techniken und Ausdrucksformen mindestens für ein halbes Dutzend Künstlerleben zu reichen. Die Schau „Ein Leben im Laufschritt“ wird vom 19. Juni bis zum September noch in der Hypo- Kunsthalle München gezeigt.

Das früheste Gemälde von 1943 zeigt bereits die Strategien des Malers mit der Devise „Keine Kunst ohne Rausch“, der zum Begründer und Propheten der „Art brut“, der groben Kunst, wurde. Die „Personnage au bicorne“ sticht hervor aus einem grellen grün-gelben Krakelhintergrund, Nase, Mund und Augen sind scheinbar liederlich knallblau ins rotbraune Gesicht gezeichnet. Die Nähe zur verehrten Kunst der „Geisteskranken“, der Kinder und Außenseiter unterstreicht auch der Doppelakt „Ménage en gris“ (1944), der vielleicht als listig-subversive Variante des Traditionsmotivs Adam und Eva gedacht war. Kompromisslos verwandelt Dubuffet 1946 selbst die eigene Ehefrau in das Bildnis „Lili“ mit kalkweißem Mondgesicht und wildem Locken- Gekritzel. Und ganz souverän hebelt Dubuffet alle geheiligten Gesetze der Perspektive in seinem grau-schwarzen „Tisch mit Gegenständen“ von 1955 aus, der gleichzeitig von oben und vorn zu sehen ist.

Bei seinen morgendlichen Spaziergängen durch Paris klaubte der Künstler Teerbrocken, Sand und Steinchen auf, die er in den 1960er Jahren zu seinen berühmten „Materialbildern“ kondensierte. Sie sehen mal wie schrundiger Straßenbelag, mal wie getrockneter Meeres-Schlick aus und lassen das Auge im unendlichen Raum wandern.

Zur fantasievollen „Hourloupe“-Serie gehören die Malereien, bei denen Dubuffet die Gegenstände in blaue, weiße, rote oder schwarze Kleinflächen zerlegt. So balancieren sein „Wasserhahn“ oder die „Teetasse“ (1967) zwischen Traum und Wirklichkeit, wird das Hochformat „Auto auf schwarzer Straße“ von 1963 zum sinn-verwirrenden Suchbild.

Zur großen Zahl selten gezeigter Bilder gehört in dem Neusser Privatmuseum das mit gut acht Metern Breite überwältigende Riesenmotiv „Boleró“ von 1983 als Leihgabe des Centre Pompidou. Wegen seiner immensen Maße ist das Dubuffet-Spätwerk aus roten und blauen Strich-Knäuel, das den Betrachter magisch aufsaugt, auch in Paris kaum jemals ausgestellt.

www.langenfoundation.de

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