René Pollesch: Seelen-Mord in Hollywoodplüsch

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Deutsche Presse-Agentur

Mit dem Wörtchen „Sein“ geht es zu Ende - wozu braucht irgendein Wortschatz das noch? Begraben gehören nach Meinung der drei alternden Schauspieler in René Polleschs Stück „Ping Pong d'Amour“ noch weitere Ausdrücke: Seele, Unsterblichkeit, äußerliche Ähnlichkeiten zwischen Körpern.

Denn eins ist allen dreien auch im chaotischsten Gedanken-Wirrwarr klar: „Es gibt kein Sein, es gibt nur das Werden.“ Dass da eine ganze Menge im Werden ist, war bei der Uraufführung des neuen Pollesch-Stücks am Samstagabend in den Münchner Kammerspielen offensichtlich. Pause für Augen oder Ohren gab es nicht. Alles ist ständig in Bewegung: das Bühnenbild, die Schauspieler, die Kostüme, und vor allem die Sprache.

Polleschs Darsteller mussten schon immer das Schnellsprechen beherrschen. Auch in „Ping Pong d'Amour“ sind rasende Wortschwalle Konzept. Gedanken werden angerissen und wieder verworfen, dann wieder aufgegriffen - der Zuschauer darf versuchen, sie zu Ende zu führen. In der Zwischenzeit ist er aber mit Sehen und Hören mehr als beschäftigt. Mit dem Auge aufnehmen muss er nämlich nicht nur ein hollywoodreifes Bühnenbild in rosarotem Kitsch voller kleiner, amüsanter Details. Auf einer Leinwand sieht er Videoclips oder auch schon mal live die Schauspieler selbst. Die speziell zum Herunterreißen designten Kostüme wechseln zeitweise im Minutentakt. Auf die Ohren gibt's Schlagermusik aus Hollywoods besten Zeiten.

Alles ist ständig im Wandel, und das in vollem Tempo. „Gedanken sind eben nicht so stabil, wie das ein Hollywood-Drehbuch behauptet“, sagt Pollesch denn auch selbst. „Darum muss man die Perspektive wechseln und eine widersprüchliche Gesellschaft erzählen, wo die Leute paradox denken oder Gedanken wechseln.“ Auch bei der Entstehung des Stücks war der Wandel allgegenwärtig.

Wie üblich für Pollesch, der bei „Ping Pong d'Amour“ wie fast immer Autor und Regisseur in Personalunion ist, entstanden Text und Drehbuch zu großen Teilen während der Proben mit den Schauspielern - in diesem Fall mit Katja Bürkle, Berns Moss und Martin Wuttke. Wie gewohnt vermengt der 46-Jährige, der seit acht Jahren die künstlerische Leitung der kleinen Spielstätte Prater an der Berliner Volksbühne übernommen hat und nun zum dritten Mal an den Kammerspielen arbeitet, dabei Trash mit Sozialsprengstoff. Es gibt keine Figuren und eigentlich auch keine Handlung, obwohl jede Menge passiert. Pausenlos werden neue Diskurse angeschnitten.

Doch bei aller Dramatik gibt es fast genauso viele Möglichkeiten zum Lachen wie zum Gedankenmachen. Für die Schauspieler gab es als Energielieferant für ihre „Hyperspeedtexte“ zwischendurch einen Schluck Wasser, für die Zuschauer Denkpausen mit regelrechten Slapstick-Einlagen. In Loriot-Manier versucht Moss ein Bild an die Wand zu hängen, scheitert immer wieder, und löst lautes Gelächter aus. Zwischendurch gibt es Hiebe auf aktuelle Theater-Diskurse und weder die Kritiker-Lieblinge „Metaebene“ noch „am Rande der Darstellbarkeit“ kommen gut davon.

Überhaupt wurde im Premierenpublikum viel gelacht, was auch mit der merklich guten Stimmung zwischen den drei Darstellern zusammen hängen dürfte. Der Spaß an der Sache war Bürkle, Moss und Wuttke mehr als anzumerken, und manchmal mussten selbst sie das Schmunzeln zurückhalten. Kein Wunder, denn das Publikum tobte schon längst, nachdem sie Weisheiten von sich gegeben hatten im Stil von: „Liebe besteht darin, etwas zu geben, was man nicht hat, und zwar jemandem, der es nicht will.“

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