„Rechtswalzer“ - Franzobel rüttelt auf

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«Rechtswalzer»
Franzobel und der „Rechtswalzer“. (Foto: Zsolnay Verlag / DPA)
Deutsche Presse-Agentur
Fabian Nitschmann

Österreich, 2024: In Wien regiert nicht mehr die rechtskonservative Regierung von Bundeskanzler Sebastian Kurz, sondern der nationalsozialistische Limes („Wir für Euch“, „Der wahre Sozialismus“). Die Alpenrepublik ist auf dem direkten Weg in eine Diktatur - doch erkennen will das kaum jemand.

Viel zu schön und ablenkend sind ein paar Sozialreformen, lustige Videos im Internet und der Glanz des Wiener Opernballs.

In diese Szenerie setzt der österreichische Autor Franzobel in seinem neuen Roman „Rechtswalzer“ einen verzwickten Kriminalfall mit einem brutalen Mord und einem Gastwirt namens Malte Dinger, dessen Fahrschein-Kontrolle aus dem Ruder läuft. Dinger landet wegen Lappalien in U-Haft - und das nicht nur für ein paar Stunden. Er selbst ist das Beispiel dafür, dass in diesem neuen Österreich einiges schief läuft. Es dauert lange, bis er das merkt. Er denkt nur an die neue Schanklizenz, die er für sein Lokal braucht.

Der individuelle Erfolg ist vielen wichtiger als der Kampf für eine liberale Demokratie - das ist nur eine Botschaft der Gesellschaftskritik, die der Ingeborg-Bachmann-Preisträger von 1995 in diesen Roman hineingeschrieben hat. Und der 52-jährige Franzobel setzt dabei in jeglicher Hinsicht auf den Vorschlaghammer statt auf Fingerspitzengefühl oder ein Zwischen-den-Zeilen-Lesen.

Das beginnt bei der verrohten Sprache des Kommissars Groschen, dessen Wortwahl etwa für die weiblichen Reize in erster Linie abwertender Natur ist („Das anliegende Oberteil ließ ihre gepressten kleinen Milchdrüsen wie eine Mischung von Kinderpopo und Sparschwein aussehen.“). Und es endet bei eingefügten Analysen der Charaktere, mit denen die Leser kaum mehr selbst nachdenken müssen („... außerdem trug sie eine freizügige Bluse und eine gebatikte Hose. So sieht keine trauernde Witwe aus.“) Deutlicher geht es nicht.

Aber Franzobel setzt noch einen drauf: Denn das Wien 2024 unterscheidet sich nicht wirklich vom Wien 2019. In „Rechtswalzer“ ist Gin weiterhin das absolute Trendgetränk, Menschen spielen noch immer Pokémon Go und Baulöwe Richard Lugner schleppt sich mit dann mehr als 90 Jahren natürlich auf den Opernball. Also alles wie bisher - außer in Sachen Politik.

Ist Österreich also schon auf dem Weg in die Diktatur? „Die einen lassen sich künstliche Jungfernhäutchen implantieren, andere das Arschloch bleichen. Europa zerfällt, die Nationalstaaten kehren zurück, unsere Regierung überlegt, die Verfassung außer Kraft zu setzen... aber alle stecken ihre Nasen nur ins Smartphone, spielen Warcraft, Tetris, Need for Speed und Solitär“, lässt Franzobel seinen Kommissar Groschen denken. 2024 ist in dem Werk nach dem Rechtsruck in Europa in den vergangenen Jahren näher als gedacht.

Vielleicht hat sich Franzobel, der sich zuletzt immer wieder an Unterschriftenaktionen von Künstlern gegen Rechts beteiligt hat, an eine Rede aus dem Sommer 2017 erinnert. „Literatur ist Kampf - gegen die Verdummung, Herzlosigkeit. Ignoranz, Lustfeindlichkeit, Engstirnigkeit, aber ebenso gegen die Verknechtung durch die Absolutheits- und Wahrheitsalleinbeansprucher“, sagte er damals.

Genau diesen Kampf bestreitet er mit „Rechtswalzer“, wenn er von Korruption auf dem Land, gesellschaftlicher Verrohung und dem Weg zur Diktatur schreibt - und seine Charaktere dies meistens ignorieren lässt. Seine freche Sprache macht diesen Kampf - trotz nicht immer nur erfrischender Wortspiele und wenig Krimispannung - lesenswert.

- Franzobel: Rechtswalzer. Zsolnay Verlag, Wien, 416 Seiten, 19,00 Euro, ISBN 978-3-5520-5922-1.

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