Real Crime vor 100 Jahren: „Mord im Adlon“

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«Mord im Adlon»
Helmut Böger recherchierte eine wahre Geschichte: „Mord im Adlon“. (Foto: Elisabeth Sandmann Verlag / DPA)
Axel Knönagel

Berlin zu Beginn des Jahres 1919. Die deutsche Hauptstadt ist in Aufruhr. Zwei Monate zuvor hat der Kaiser abgedankt und den Weg frei gemacht für die erste deutsche Republik. Aber der neue Staat ist sofort in Gefahr durch radikale Aufständische.

Aber auch in diesen schweren Zeiten wird das neue Jahr mit vielen Feiern begrüßt. Die vielleicht opulenteste findet im Hotel Adlon statt, mitten im Herzen der Hauptstadt. Kaum sind die Feiern beendet, wird in einer der Hotelsuiten eine Leiche gefunden. Schnell stellt sich heraus, dass der Tote ein Geldbriefträger war, der gezielt in die Falle gelockt worden war.

Die Polizei, im Jahr 1919 noch mit wenigen technischen Möglichkeiten zur Tataufklärung ausgestattet, kommt nicht voran. Vier Monate vorher hatte es einen sehr ähnlichen Fall in einem anderen Stadtteil Berlins gegeben, aber auch in dem Fall war der Mörder eines Geldbriefträgers unbekannt geblieben.

Viele Hindernisse ergeben sich für die Polizei aus dem Zustand des Landes und der Gesellschaft am Ende des Ersten Weltkriegs. Böger zeigt sehr anschaulich mit vielen Zitaten und einigen Illustrationen das gesellschaftliche Wirrwarr und die Nöte der Bevölkerung in einem Staat, der von Tag zu Tag mehr ins Chaos driftete.

Der Mord im Adlon war wahrlich spektakulär. Die Zeitungen berichteten ausführlich. Aber selbst die für die damalige Zeit astronomisch hohe Belohnung, die vom Haus Adlon sogar noch aufgestockt wurde, vermochte nicht, die Ergreifung des Dreifachmörders zu beschleunigen.

Dass der Täter dann doch noch gefasst wurde, dreieinhalb Jahre später in Dresden, resultiert aus Zufall und kriminalistischem Fortschritt. Ein weiteres Mal überfiel der Mann einen Geldbriefträger, aber diesmal wurde er während der Tat gestört und konnte von der Polizei festgenommen werden.

Die Verbindung zu den Berliner Fällen stellte ein legendärer Kriminalpolizist her. Die Ermittlungen in Berlin führte Ernst Gennat, der in späteren Jahren durch seine Offenheit gegenüber modernen Ermittlungstechniken eine spektakuläre Aufklärungsquote erreichte. So war er verantwortlich für die Einrichtung eines Autos mit einem kleinen kriminaltechnischen Labor, im Volksmund einfach „Mordauto“ genannt.

Krimileser kennen Gennat aus der Gereon-Rath-Krimis von Volker Kutscher, die Grundlage der erfolgreichen Fernsehserie „Babylon Berlin“. Im Fall des Geldbriefträgermörders hatte Gennat einen Fingerabdruck sichergestellt, was vor 100 Jahren noch kaum üblich war.

Zum ersten Mal in der deutschen Kriminalgeschichte konnte durch Gennats Vorgehensweise zweifelsfrei durch Fingerabdrücke bewiesen werden, dass ein Täter an mehreren Morden beteiligt war. Die Begründung des Manns für sein Tun macht auch heute noch sprachlos. Im Verhör erzählte er: „Ich bin ein Schriftsteller, so groß wie Schiller und Goethe. Noch zwei, drei Morde und ich hätte alles Geld für mein Lebenswerk zusammen gehabt.“

Aus der literarischen Karriere des Kriminellen Wilhelm Blume wurde nichts, aber Böger findet mehrere Beispiele dafür, dass der Stoff literarisch bearbeitet wurde. Gerhard Hauptmann nutzte die Figur des Geldbriefträgermörders in seinem Stück „Herbert Engelmann“. Und vor ein paar Jahren tauchte diese Figur in gleich zwei historischen Berliner Krimis auf: „Cafe Größenwahn“ von Sibyl Volks und „Der Fall des Dichters“ von Horst Bosetzky.

Helmut Böger zeigt in seinem Buch, wie vor 100 Jahren die Gesellschaft so sehr ihre Ordnung verloren hatte, dass solche Taten denkbar wurden. Die Art und Weise, wie der Mörder überführt wurde, weist aber in die Moderne.

- Helmut Böger: Mord im Adlon: Die wahre Geschichte eines mörderischen Hochstaplers. Elisabeth Sandmann Verlag, München, 140 Seiten, 19,95 Euro, ISBN 978-3-945543-47-4.

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