Qimonda-Pleite bedroht Europas „Silicon Valley“

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Deutsche Presse-Agentur

Schlaff und kraftlos hängen sie nebeneinander vor dem Werktor in Dresden - die weiße Fahne von Infineon und die violette von Qimonda.

Seit am Freitag die Nachricht von der Pleite des Münchner Chipherstellers Qimonda das sächsische „Silicon Valley“ erschütterte, könnte eine der beiden Flaggen bald vom Mast genommen werden. Bei Experten wächst sogar die Sorge, dass die Infineon-Tochter mit ihren 3200 Beschäftigten den wichtigsten Standort Europas für die Halbleiterproduktion in den Abgrund reißen könnte.

Zwar will Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) noch keine Panik aufkommen lassen: „Die Staatsregierung wird alles tun, um einen künftigen Investor zu unterstützen. Unser Hilfsangebot steht unverändert.“ Eine Insolvenz sei noch nicht das Ende des Unternehmens. Von der Qimonda-Pleite ist aber auch die Mutter Infineon belastet. Der Konzern fürchtet laut „Spiegel“ kartell- und wertpapierrechtliche Verfahren, die eventuelle Rückzahlung öffentlicher Fördermittel sowie Forderungen von Qimonda-Mitarbeitern zur Folge haben. Analysten schätzen die Schadenssumme auf bis zu 280 Millionen Euro.

Ebenfalls Sorgen bereitet in der sächsischen Landeshauptstadt der amerikanische Halbleiterhersteller AMD, der immer weiter in die roten Zahlen rutscht. Zwar hat der neue Partner, das Emirat Abu Dhabi, dem Dresdner Werk mit sechs Milliarden Euro zunächst etwas Luft verschafft. Doch auch AMD muss sich in dem hartumkämpften Markt behaupten. Die gesamte Branche ist in der Krise und droht als Folge der globalen Rezession immer weiter abzurutschen.

Die Ansiedlung der Mikroelektronik in Dresden war nach 1990 ein Leuchtturm in der Region. In anderen Schlüsselbranchen wie dem Fotoapparatebau, der Computer-Industrie oder dem Maschinenbau mit tausenden Beschäftigten waren die Betriebe nach der Wende nach und nach geschlossen worden. Der Halbleiterindustrie mit seinerzeit rund 3500 Beschäftigten drohte ein ähnliches Schicksal. Der damalige Ministerpräsident Kurt Biedenkopf (CDU) verhinderte dies und lockte mit massiven Subventionen Investoren an.

Erster Coup war die Ansiedlung einer Siemens-Chipfabrik. Für rund 1,3 Milliarden Euro stellte der Münchner Konzern 1994 ein Halbleiterwerk auf das Gelände einer ehemalige Sowjetkaserne und kassierte dafü-r vom Staat rund 400 Millionen Euro Zuschüsse. Bereits zwei Jahre später folgte der US-Hersteller AMD und baute im Norden der sächsischen Landeshauptstadt ein Prozessoren-Werk für fast 1,5 Milliarden Euro. Auch hier flossen rund 400 Millionen Euro aus öffentlichen Kassen.

Hohe Kosten, der immense Preisverfall und das riskante Auf und Ab der Nachfrage am Chipmarkt verhagelten den Siemens-Aktionären allerdings schon bald die Stimmung. 1999 wurde Infineon gegründet und die Halbleiter-Sparte ausgelagert. 2006 wiederholte sich das Spiel: Infineon gründete Qimonda und gab die ungeliebte Speicherchip- Produktion weiter. Seither wird aber vergeblich nach einem Partner für die Tochter gesucht - derzeit hält Infineon noch immer 77,5 Prozent der Qimonda-Aktien.

Inzwischen zählt die Branche in und um Dresden rund 1200 Firmen mit etwa 44 000 Mitarbeitern - gut 70 Prozent der Beschäftigten der deutschen Halbleiterindustrie. Allein im vergangenen Jahr wurde Gutachten zufolge jeder zweite europäische Chip in Dresden produziert. Die Stadt gilt als letzter groß-er Halbleiterstandort, als das „Silicon Valley“ in Europa.

Der Vize-Chef des Dresdner Ifo-Instituts, Joachim Ragnitz, fürchtet nun, dass durch die Qimonda-Pleite wichtige Forschungs- und Entwicklungskapazitäten wegbrechen. Das könne die Chip-Produktion in Europa infrage stellen. Der Präsident des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH), Ulrich Blum, wirft der EU vor, das Unternehmen nicht genügend geschützt zu haben. Viele asiatische Hersteller bekämen bis zu 70 Prozent ihres Kapitals als Staatshilfe. Wegen europäischer Richtlinien seien bei Qimonda nur rund 30 Prozent möglich gewesen.

„Bei Qimonda muss es schnell zu einer Lösung kommen“, drängt Torsten Thieme vom Vorstand des Dresdner Halbleiternetzwerks „Silicon Saxony“. In dieser Branche werde der technologische Vorsprung in Monaten oder gar nur Wochen gemessen. Die Pleite des Unternehmens könnte eine Lawine auslösen. Im „Silicon-Saxony“-Verbund sind rund 270 Betriebe mit rund 35 000 Beschäftigten zusammengeschlossen. Wie es bei Qimonda weitergeht, darüber will an diesem Dienstag der Insolvenzverwalter Michael Jaffé die Belegschaft informieren. Innerhalb der kommenden drei Monate muss er ein Konzept für die Restrukturierung des Unternehmens vorlegen.

[Qimonda]: Königsbrücker Straße 180, 01099 Dresden [Infineon Dresden]: Königsbrücker Straße 180, 01099 Dresden

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