Pudel Rocket riecht die Gefahr

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Pudel Rocket trägt ein Notfallgeschirr, das Traubenzucker, Zucker-Messgerät, Spritze und Taschenlampe enthält Damit kann Besitze
Pudel Rocket trägt ein Notfallgeschirr, das Traubenzucker, Zucker-Messgerät, Spritze und Taschenlampe enthält Damit kann Besitze (Foto: dpa)
Deutsche Presse-Agentur
T. Meyer u. C. Gläser

Die Tierpsychologin Maja Wonisch bildet Hunde aus, die ihrem Besitzer das Leben retten können: Sie riechen, wenn Diabetiker unterzuckert sind und warnen Herrchen oder Frauchen. Mittlerweile gibt es in Deutschland mehrere Hundetrainer, die solche Vierbeiner ausbilden. Doch Ärzte warnen: Die Ausbildung der Tiere sei nicht standardisiert, man dürfe sich nicht nur auf die Nase der Hunde verlassen.

Der weiße Pudel Rocket mit den beigefarbenen Ohren beobachtet sein Frauchen Annegret Pross während des Spaziergangs intensiv. Auf einmal stellt er sich Pross in den Weg. Das ist für die Diabetikerin aus dem unterfränkischen Margetshöchheim bei Würzburg eine Warnung: Ihr Insulinspiegel könnte zu niedrig sein. Sie lässt den Pudel an ihrem Unterarm riechen. Er drückt mit seiner Pfote ihren Arm fest nach unten. Damit ist klar, dass die 57-Jährige schnell etwas gegen ihren Unterzucker tun muss, damit sie nicht ohnmächtig wird. Im schlimmsten Fall könnte ihr sogar ein lebensgefährliches Koma drohen.

Regelmäßig beim Notarzt

Pudel Rocket ist ein ausgebildeter Diabetiker-Warnhund. Er riecht die Gefahr für sein Frauchen. „Rocket schlägt bei einem Unterzucker-Wert von 70 Milligramm pro Deziliter an. Bis 60 kann ich mir noch selbst helfen“, sagt die gelernte Krankenschwester, die aufgrund ihrer Krankheit erwerbsunfähig ist. Sie ist seit 1989 Diabetikerin Typ 1. Ihre Bauchspeicheldrüse produziert kein Insulin, deshalb ist Pross von regelmäßigen Insulinspritzen abhängig.

Bevor der Pudel als Warnhund ausgebildet wurde, musste ihr Mann oft den Notarzt alarmieren oder sie in die Notfallpraxis fahren. „Mein Mann merkt das erst, wenn ich krampfe wie ein Epileptiker, weil das Gehirn kaum noch Zucker hat.“

Vor fünf Jahren fand die Diabetikerin bei der Tierpsychologin Maja Wonisch aus dem baden-württembergischen Scheer (Landkreis Sigmaringen) Hilfe. Sie bildet in ihrem Hundezentrum am Bodensee Diabetiker-Warnhunde aus. „In den USA werden schon seit Jahren solche Hunde ausgebildet. Hier setzt sich der Diabetiker-Warnhund langsam durch“, sagt Wonisch. 90 Hunde hat sie bereits trainiert. Die Zuverlässigkeit der Tiere liege bei 97 Prozent.

Geeignet sind laut Wonisch, die sich seit 1996 mit der Diabetiker-Warnhund-Ausbildung beschäftigt, fast alle Hunde.

Ein gutes halbes Jahr ging Annegret Pross mit Rocket in die Hundeschule. Dort wurde er auf den besonderen Geruch von Pross trainiert, den sie ausströmt, wenn ihr Blutzuckerspiegel unter 70 Milligramm pro Deziliter fällt. Am Ende mussten beide eine Prüfung bestehen. Rund 4000 Euro kostet die Ausbildung.

Der Düsseldorfer Diabetologie-Chefarzt Stephan Martin kennt den Trend zum Warnhund, ist aber zurückhaltend. „Es gibt da derzeit einen ziemlichen Hype um diese Hunde, aber keinen zentralen Standard bei der Ausbildung“, sagt der Mediziner, der Mitglied in der Deutschen Diabetes Gesellschaft ist. Wenn der eigene Hund den Unterzucker erkennen könne, sei das eine schöne Ergänzung. „Besser noch sind Hypoglykämie-Wahrnehmungstrainings für die Patienten, die überall in Deutschland angeboten werden und evaluiert sind“, so Martin. Eine weitere Möglichkeit seien neu entwickelte Geräte, die den Unterzucker kontinuierlich messen.

Zuschüsse von der Krankenkasse gibt es bislang in den wenigsten Fällen. Eine Sprecherin des Spitzenverbandes der gesetzlichen Krankenkassen erklärt: Assistenzhunde als Hilfsmittel „müssen laut ständiger Rechtsprechung die Auswirkungen der Behinderung im gesamten täglichen Leben beseitigen oder mildern“. Es reiche also nicht, wenn mit dem Hund nur Nachteile in ganz bestimmten Lebensbereichen ausgeglichen werden. Ein Blindenhund wäre in diesem Sinne ein Hilfsmittel, das die Krankenkasse übernimmt, ein Diabetiker-Warnhund nicht.

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