Psychothriller über Geheimnisse und Rache

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«Worüber wir schweigen»
„Worüber wir schweigen“ von Michaela Kastel. (Foto: -/Emons Verlag/dpa / DPA)
Deutsche Presse-Agentur
Axel Knönagel

In einem kleinen Ort in Österreich spielt sich ein gefährliches Psychodrama ab. Die Wiener Autorin Michaela Kastel nutzt in ihrem zweiten Roman, „Worüber wir schweigen“, die vermeintliche heile Welt als Schauplatz für ein Drama, das von Freundschaft und Liebe, vor allem aber von Misstrauen und Betrug bestimmt wird.

Von der ersten Seite des Romans an ist klar, dass es um Leben und Tod geht. Eine junge Frau namens Nina bekennt: „Ich glaube, ich könnte jemanden mit meinen bloßen Händen töten. Ich weiß, wen ich umbringen würde. Ich weiß es ganz genau.“

Nina setzt die Handlung in Gang, indem sie in ihren Heimatort zurückkehrt, aus dem sie zwölf Jahre vorher abrupt weggezogen war und wo man sie seither nie wieder gesehen hatte. Ihre plötzliche Rückkehr löst tiefes Unbehagen aus bei ihren ehemaligen Schulfreunden und deren Eltern.

Aus diesem Anfang entwickelt Michaela Kastel eine komplexe Erzählung, die mit zahlreichen Rückblenden und Perspektivwechseln ein Puzzle präsentiert. In kurzen Kapiteln werden dramatische Ereignisse aus den Jahren 2006 und 2007 erzählt, unterbrochen von Episoden mit denselben Personen, die im Jahr 2019 spielen.

Im Mittelpunkt der Handlung stehen die Verwicklungen im Leben mehrerer Jugendlicher. Das Leben der dominanten Nina und ihrer schüchternen Freundin Melanie wird durcheinandergewirbelt, als der gleichaltrige Dominik und sein jüngerer Bruder Tobias nebenan einziehen. Die beiden Schülerinnen werden kurz vor dem Abitur zu Konkurrentinnen, bis sich Dominik überraschend für Melanie entscheidet.

Damit beginnen die Verwicklungen aber erst. Lügen, Misstrauen und Verrat werden immer heftiger, bis es zum Eklat kommt. Dann ist Nina plötzlich weg, Dominik bald darauf tot. Was genau passiert ist, bleibt im Dunkeln, aber zwölf Jahre später will Nina es unter allen Umständen herausfinden.

Erzählt wird die Geschichte aus drei Perspektiven. Die wichtigste Stimme gehört Nina, aber auch Tobias steuert wesentliche Passagen bei. Etwas überraschend ist, dass auch Ninas Vater Gregor als Erzähler eingesetzt wird. Er nimmt kaum Anteil am Leben seiner Tochter, aber seine eigenen Erlebnisse charakterisieren das Leben in der Nachbarschaft und liefern Details, die wichtige Hinweise geben, um die Geschehnisse zu erklären.

Diese Erzählstruktur trägt erheblich zur Wirkung von „Worüber wir schweigen“ bei. Jede Figur weiß Dinge, die sie den anderen verheimlicht. Mitunter wissen die Figuren mehr als die Leser, dann wiederum ist es umgekehrt. Und die eigentliche Erkenntnis über die Umstände von Dominiks Tod kommt erst ganz am Ende des Romans.

Michaela Kastel ist es gelungen, mit „Worüber wir schweigen“ einen äußerst spannenden Thriller zu schreiben, in dem kein Blut vergossen wird und der literarisch anspruchsvoll konstruiert ist. Nach ihrem überzeugenden Debütroman „So dunkel der Wald“ im vergangenen Jahr ist auch „Worüber wir schweigen“ ein überzeugender Beweis für Michaela Kastels Talent.

- Michaela Kastel: Worüber wir schweigen. Emons Verlag, Köln, 320 Seiten, 20,00 Euro, ISBN 978-3-7408-0643-9.

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