Psychologin: „Wir sind Meister darin, uns selbst zu belügen“

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Frau mit Dudelsack
Psychologin Tanja Köhler hat nicht nur ein Buch darüber geschrieben, wie man sein Leben umkrempelt. Sie hat auch gelernt Dudelsack zu spielen – ihre persönliche Herausforderung. (Foto: privat)
Carolin Steppat

Mit dem Kampf gegen den inneren Schweinehund kennt sie sich aus: Tanja Köhler ist Diplom-Psychologin, Kauffrau und Coach. Fachwissen und eigene Erfahrungen hat sie in dem Buch „Das Jahr, als ich anfing, Dudelsack zu spielen: Eine Anleitung zur Veränderung in der Mitte des Lebens“ verarbeitet, erschienen im Murmann-Verlag. Seit Kurzem gibt es das Coaching auch als Onlinekurs (www.die-tanja-koehler.de). Carolin Steppat hat sich mit der Autorin darüber unterhalten, wie man aus gewohnten Mustern herauskommen kann, um Wünsche, Träume und Veränderungsvorhaben, die in einem schlummern, tatsächlich zu verwirklichen.

Veränderung ist so einfach, du musst es nur wollen. Tschakka! Frau Köhler, was halten Sie von solchen Sprüchen?

Das ist ein absolutes No-Go. Da draußen sind so viele Veränderungs-Gurus unterwegs, die sagen man müsse nur wollen. Viele fragen sich, weshalb es bei allen anderen klappt, nur nicht bei ihnen selbst. Mit diesen Menschen passiert etwas Fatales: Ihr eigener Selbstwert wird noch weiter nach unten geschraubt, weil sie denken, sie sind einfach zu doof.

Angenommen ich will mehr joggen. Warum tue ich es trotzdem nicht?

Das Ziel muss konkret sein. Wenn ich sage „Ich will mehr joggen“, dann sage ich nicht, wann ich mehr joggen will. Und wenn ich sage „Ab Montag gehe ich joggen“, dann kann ich mich immer noch herausreden. Schließlich habe ich ja nicht gesagt, welchen Montag ich meine. Wenn ich aber sage: An diesem Montag jogge ich nach der Arbeit um 17 Uhr, dann ist es konkret. Und wenn ich dann noch meine Turnschuhe eingepackt habe, ist der Anfang gemacht.

Jetzt kann ich aber nicht joggen, weil es regnet. Warum finden wir eigentlich so viele Ausreden?

Das ist gut untersucht, man nennt es die „self serving bias“, die selbstwertdienliche Verzerrung. In einfachen Worten: Wenn mir selber etwas nicht gelingt oder ich etwas nicht angehen kann, dann mache ich dafür andere Personen oder Situationen verantwortlich. Zum Beispiel den Regen. Wenn aber anderen etwas nicht gelingt, sind sie selbst dran schuld. Zum Beispiel, weil sie einfach nur faul sind.

Gewohnheiten ändern ist das eine. Große Veränderungen im Leben fallen meist nicht so leicht.

Es gibt eine kluge Untersuchung aus Amerika, bei der Wissenschaftler die Teilnehmer befragt haben, wie glücklich sie sind. Darunter waren sowohl Menschen, die eine große Lebensentscheidung getroffen haben, als auch welche, die sich das nicht getraut haben. Dabei ist herausgekommen, dass Menschen, die sich zum Beispiel für einen Jobwechsel oder das Beenden einer unglücklichen Beziehung entschieden haben, danach deutlich zufriedener und glücklicher waren, als diejenigen, die sich das nicht getraut haben. In den meisten Fällen scheitern die Menschen gar nicht. In der Regel klappt tatsächlich, was sie sich vornehmen.

Was ist, wenn wir für eine große Veränderung an Tabus rütteln müssen und andere sagen: „Das tut man doch nicht!“

Das sind gesellschaftliche Normen, die wir vor allem im deutschsprachigen Kulturraum haben. Bei uns heißt es „Man trennt sich doch nicht, wenn man vier Kinder hat“ oder „Man wechselt doch nicht den Job, wenn man noch nichts Neues hat.“ Da lohnt sich ein Blick in die Kriegsvergangenheit und in die Biografie unserer Eltern. Deutschland hat zwei große Weltkriege hinter sich. Da war ein sicherer Job und eine sichere Familie überlebensnotwendig. Aber unsere Eltern haben andere Erlebnisse hinter sich, als wir. Sie haben andere Wertvorstellungen als wir. Erst wenn wir das verstanden haben, gelingt es uns mutig zu sein und unseren eigenen Weg zu gehen – trotz unserer Ängste.

Gibt es ein typisches Alter, in dem man anfängt über das eigene Leben zu grübeln?

Tatsächlich ist die Mitte des Lebens für viele so ein Punkt, grob das Alter zwischen 40 und 50 Jahren. Man hat vieles erreicht: Ehe, Kinder, Job, Häuschen. Und dann fragt man sich: „Was kommt jetzt noch?“

Sie meinen die klassische Midlife-Crisis?

Das Wort Midlife-Crisis mag ich nicht. Es geht doch viel mehr darum zu überlegen, was wir mit dem Rest des Lebens anfangen wollen. Das hat mit Krise nichts zu tun, sondern mit einem erfüllten Leben.

Und was ist mit den Menschen, die gar nichts verändern wollen?

Die gibt es und wenn ich diese Menschen treffe, gratuliere ich ihnen von Herzen. Das sind oft Menschen, die aus einem reflektierten Elternhaus kommen, in dem viel geredet wurde. Auch über die verschiedenen Möglichkeiten, die sich einem im Leben bieten. Aber tatsächlich erliegen viele, die behaupten glücklich zu sein, einer großen Selbstlüge.

Wie lange geht das mit der Selbstlüge gut?

Manchmal ein Leben lang. Wir sind Meister darin, uns selbst zu belügen. Manche kommen erst durch eine traumatische Erfahrung wie den Tod eines geliebten Menschen oder durch eine Trennung dazu, die Selbstlüge zu erkennen und hinter sich zu lassen. Und andere schaffen es, indem sie sich die Frage stellen: Wozu dient meine Selbstlüge?

Und was ist die Antwort?

Es geht meistens um den Selbstwert. Eine Lüge ist leichter zu glauben und zu leben, als in die Unsicherheit hineinzugehen und zum Beispiel zu sagen „Ich bin gescheitert.“

Von der Theorie in die Praxis: Wie gehe ich eine große Veränderung an?

Dafür habe ich eine Formel: Veränderung = D mal Z mal U. Das heißt Dringlichkeit mal Ziele mal Umsetzung. Die Dringlichkeit ist der wichtigste Punkt. Wenn wir sie nicht spüren, werden wir auch nichts verändern. Der eine spürt die Dringlichkeit deutlich in sich selbst und hat deshalb die Motivation, etwas zu ändern. Andere spüren den Druck aber eher von außen. Die bekommen zwar ein schlechtes Gewissen, spüren aber selber die Dringlichkeit gar nicht.

Woran können wir die Dringlichkeit festmachen?

Wir müssen uns folgende Fragen stellen: Wie ehrlich sind wir zu uns selbst? Was würde passieren, wenn wir ehrlich sind? Woher kommen wir und welchen Einfluss hat unsere Familie auf uns? Und wie sieht er aus – dieser eine richtige Veränderungsimpuls, der uns dann in Bewegung bringt?

Vom Woher zum Wohin: Wie können wir Ziele festlegen?

Wir müssen uns fragen, wie unser Ziel ganz konkret aussieht. Dann überlegen wir, wie wir es erreichen und wie unser neues Verhalten oder die neue Situation aussehen wird. Und dann gibt es die „Bananenschalen“, wie ich sie nenne: Was könnte uns zu Fall bringen und wie gehen wir damit um?

Wie erreichen wir dann unser Ziel?

Manchmal wissen wir ganz genau was wir tun müssen. Und trotzdem hält uns etwas zurück. Oder wir schieben es ewig auf und nichts passiert. An diesem Punkt hilft ein Blick auf den „Hüter der Schwelle“, wie ich ihn nenne: Wer oder was hält uns zurück und was brauchen wir, um loszugehen?

Und was tun wir, wenn es einen Rückfall gibt?

Mein Lieblingsspruch ist: „Der größte Feind der Veränderung ist die Gewohnheit. Der größte Freund der Veränderung ist die neue Gewohnheit.“ Um eine neue Gewohnheit zu festigen, braucht es etwas Übung und Zeit. Die Psychologin Philippa Lally hat herausgefunden, dass wir rund 66 Tage brauchen, um von einer Gewohnheit in die nächste zukommen.

Was ist, wenn ich gar keine Veränderung wünsche, weil alles irgendwie in Ordnung ist?

Viele Menschen haben in der Geschwindigkeit des Alltags verlernt, neue Dinge zu tun und die eigene Komfortzone zu verlassen. Das ist nicht schlimm, nimmt einem aber die Möglichkeit Dinge kennenzulernen, die einem vielleicht Spaß machen.

Möglich ist zum Beispiel eine Liste zu schreiben mit fünf verrückten Dingen, die man noch nie gemacht hat und die man dann im Laufe eines Jahres ausprobiert. Bei mir war das zum Beispiel der Dudelsack. Ich habe angefangen Dudelsack zu spielen und durch diesen kleinen Impuls hat sich mein komplettes Leben verändert.

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