Promi-Geburtstag vom 25. November 2019: Maarten 't Hart

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Maarten t Hart
Die Welt der Calvinisten - Maarten 't Hart wird 75. (Foto: Jörg Carstensen / DPA)
Deutsche Presse-Agentur
Christoph Driessen

Die streng calvinistische Mutter von Maarten 't Hart war davon überzeugt, dass ihr vom Glauben abgefallener Junge nach seinem Ableben in der Hölle landen wird.

Dies, so schilderte er einmal in einem Interview, stellte sie vor ein theologisches Problem: Wie sollte sie selbst im Himmel vollständig glücklich sein, wenn der geliebte Sohn der ewigen Verdammnis anheim gefallen war? Schließlich half sie sich mit der Überzeugung, sie würde im Himmel gar nicht mehr wissen, dass sie je einen Sohn gehabt hatte. Und dementsprechend würde sie auch nicht leiden können.

Es ist diese verquere Logik christlicher Orthodoxie, mit der Maarten 't Hart seine Leser nun schon seit Jahrzehnten unterhält. Meisterhaft versteht es der Schriftsteller, der heute 75 Jahre alt wird, den calvinistischen Kosmos seiner Kindheit literarisch auszubeuten. Auch sein Erfolg in Deutschland - seine Auflage geht in die Millionen - lässt sich wohl zu einem großen Teil darauf zurückführen. „Für die Deutschen ist es wahrscheinlich interessant zu sehen, da gibt es ein Land, das liegt ganz nah bei uns und ist doch total anders“, sagte er einmal der Deutschen Presse-Agentur. Der zweite Grund ist für ihn: „Ich bin ein altmodischer Erzähler.“

Auf tragikomische Weise hat er in seinen Werken immer wieder die Sturköpfigkeit dieser protestantischen Spielart des religiösen Fundamentalismus aufgespießt. Doch gerade die Beschränkung, die Glaube und Armut seiner Kindheit auferlegten, erschlossen ihm die beiden Leidenschaften, die sein Leben geprägt haben: die Liebe zur Literatur und zur klassischen Musik. Er verschlang alle Werke der „Reformatorischen Evangelisierungsbibliothek“ in seinem Heimatort Maassluis bei Rotterdam und las dann noch in Ermangelung anderer Ablenkung die Bibel.

Schon mit sechs oder sieben Jahren ermöglichte ihm ein Schulfreund, dessen Eltern im Besitz eines Grammophons waren, die erste Begegnung mit seinem Lieblingskomponisten Johann Sebastian Bach: Immer wieder kehrte er zurück, um noch einmal dem Choral „Wohl mir, dass ich Jesum habe“ zu lauschen. „So schrecklichen Dingen wie dem Jazz bin ich dank Bach nie anheimgefallen“, stellte er rückblickend fest.

't Hart studierte Biologie in Leiden und spezialisierte sich auf das Verhalten von Ratten. Das führte dazu, dass ihn Werner Herzog bei den Dreharbeiten für seine Neuverfilmung von „Nosferatu“ als Experte für den Einsatz Tausender Ratten hinzuzog. Später engagierte er sich intensiv für die „Partij voor de Dieren“ (Partei für die Tiere).

Als Schriftsteller debütierte 't Hart 1971 mit „Steine für eine Waldohreule“. Sein Durchbruch in den Niederlanden kam 1978 mit „Ein Schwarm Regenbrachvögel“. Das Buch handelt von einem jungen Professor, hochbegabt zwar, doch einsam und gehemmt. Die einzige, die ihn wirklich liebt, ist seine Mutter, die aber stirbt. Unterschwellig geht es um die calvinistische Vorbestimmungslehre, derzufolge alles nach einem göttlichen Plan abläuft: Sich dagegen aufzulehnen, ist zwecklos.

In Deutschland folgte der Durchbruch fast 20 Jahre später mit „Das Wüten der ganzen Welt“: Hier verpackt 't Hart seine Lebensthemen Calvinismus und klassische Musik mit schwarzem Humor in einen spannenden Kriminalroman. In dem Buch wird ein Zwölfjähriger Zeuge eines Mordes - was der Autor so ähnlich erlebt hat: „Ich spielte als Kind bei einer kirchlichen Versammlung inbrünstig auf dem Harmonium, und hinter meinem Rücken wurde tatsächlich jemand erschossen.“

Hochgelobt von der Kritik wurde auch das Geschichtsgemälde „Der Psalmenstreit“ (2006), bei dem sich 't Hart durch ein historisches Ereignis inspirieren ließ: 1773 kam es in den calvinistischen Gemeinden zu Aufständen, weil die Psalmen auf Anweisung der Regierung fortan schneller gesungen werden sollten.

Seinen Eltern, denen er trotz seines Abfalls vom Glauben eng verbunden war, setzte 't Hart jeweils ein literarisches Denkmal: dem Vater - von Beruf Totengräber - mit „Gott fährt Fahrrad“ (1979), der Mutter in „Magdalena“ (2015).

Auch wenn sich 't Hart seit Studientagen als eingefleischten Atheisten bezeichnet, so hat ihn die fromme Erziehung doch nach wie vor im Griff: Seine Lieblingsbeschäftigung ist das Orgelspiel, Bach-Musik wurde ihm zur Ersatzreligion. Zudem ist er durch und durch Moralist. Auch die in den Niederlanden sprichwörtliche Knickerigkeit der Calvinisten ist ihm zur zweiten Natur geworden. Als seine Lieblingstugend gibt er Sparsamkeit an. Als seinen größten Fehler: Geiz.

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