Promi-Geburtstag vom 1. September 2018: Dagmar Manzel

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Dagmar Manzel
Dagmar Manzel bei der Probe zu dem Brecht-Weill-Stück „Die sieben Todsünden“ in der Komischen Oper in Berlin. (Foto: Stephanie Pilick / DPA)
Deutsche Presse-Agentur
Esteban Engel

Dagmar Manzel hat sich gerade durch den Berliner Verkehr gekämpft, gleich muss sie zum Radiointerview.

In diesen Tagen dreht sie den Dreiteiler „Unterleuten“ für das ZDF, demnächst steht sie in der Komischen Oper und zum 80. Mal im Zwei-Personen-Stück „Gift“ mit Ulrich Matthes im Deutschen Theater auf der Bühne. Manzels Tag scheint eine Ewigkeit zu dauern. Von Eile keine Spur.

Florian Gallenbergers Film-Romanze „Grüner wird’s nicht, sagte der Gärtner und flog davon“, den sie mit Elmar Wepper drehte, ist jetzt in die Kinos gekommen. In mehreren Dritten-ARD-Programmen läuft in diesen Tagen „Die Manzel“, eine Nahaufnahme der Künstlerin.

Fernsehen, Film, Bühne, dazu Lesungen und viele Ideen - dass Manzels Lebensführung eine „logistische Meisterleistung“ sei, wie sie sagt, dürfte nur Teil der Wahrheit sein. Die Schauspielerin und Sängerin, die heute 60 wird, lässt sich nicht so leicht erschüttern. Ihre blauen Augen strahlen viel Ruhe aus. Was natürlich auch die Zuschauer spüren.

Eine „Anti-Diva“ hat sie Barrie Kosky genannt, der Intendant der Komischen Oper Berlin. Manzel ist ein wesentlicher Glamourfaktor im buntesten der drei Berliner Musiktheater. „Spielend singen, singend spielen“, bringt sie ihre Erfolgsformel auf den Punkt.

Ob als schnoddrige Verführerin und Verwechslungskünstlerin im Musical, als Kommissarin Paula Ringelhahn im fränkischen „Tatort“ oder als tragisch gestorbene Grünen-Politikerin Petra Kelly im Film - ob in Komödie oder Drama, Manzel bleibt immer sehr nahe bei sich. Übersteuerter Geltungsdrang ist ihre Sache nicht.

In „Menschenskind“, einem Interviewbuch über ihr Leben, lernt man eine Künstlerin kennen, die neugierig auf ihre Welt blickt, sich aber auch gegen Unbill schützt, etwa beim frühen Tod ihres Vaters oder ihrer eigenen Krebserkrankung vor neun Jahren.

Verflogen ist das alles, wenn sie als ägyptische Königin mit Berliner Schnauze in der Operetten-Wiederentdeckung „Die Perlen der Cleopatra“ auftritt, oder in der lange vergessenen Operette „Ball im Savoy“ von Paul Abraham oder der düsteren Stetl-Romanze „Anatevka“. Dann paart sich furioses Spiel mit feinsinnigem Humor. Manzel hat dem (nur augenscheinlich) leichten Fach zu neuem Höhenflug verholfen.

Mit Kosky habe sie einst beim Gespräch in ihrem Garten überlegt: „Was können wir zusammen machen?“ Stundenlang hätten sie herumgesponnen. Aber eigentlich lag es auf der Hand.

Mit seinem Operetten-Revival hat Kosky den Geist des legendären Metropol-Theaters und die von den Nazis zerstörte deutsch-jüdische Entertainment-Tradition wieder beflügelt. Und Manzel ist sowieso schon lange Interpretin berührender Songs von Friedrich Holländer und Richard Heymann, die genau dazu passen. So kam es, wie es kommen musste. In Kosky habe sie ihren Meister gefunden, sagt sie - und der Australier, einer der kreativsten Regisseure heutzutage, fand in ihr seine Operetten-Muse.

Schon unter Koskys Vorgänger Andreas Homoki hatte sie in Cole Porters Musical „Kiss me, Kate“ geglänzt. Seitdem sind Manzels Vorstellungen immer ausverkauft.

Ihr Vorbild sei Fritzi Massary (1882-1969), Metropol-Star und Stilikone der „Goldenen Zwanziger“. Die Berliner lagen ihr zu Füßen, ihre Kleider bestimmten die Mode, von der Bühne aus flirtete sie mit dem Publikum. Dann kamen die Nazis, die österreichische Jüdin musste fliehen, sie kam nicht mehr nach Deutschland zurück.

In Manzels Solo-Programmen klingen die Songs aus den 1920er und 1930er-Jahren wie das melancholische Echo aus einer verblichenen Zeit. Wenn sie Holländers „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“ ins Mikrofon haucht, wird der Klassiker zu einem allzu menschlichen Bekenntnis - von der auftrumpfenden Gewissheit, mit der Marlene Dietrich einst im „Blauen Engel“ den Song berühmt machte, ist nichts zu spüren. „Sentimentalität ist nicht mein Thema. Mich einem Lied emotional unterwerfen - das würde ich nie machen“, sagte Manzel.

Die Tochter eines Lehrer-Ehepaars wuchs mit Opern und Operetten auf. Zuhause sang sie zu Platten von Maria Callas, vor dem Spiegel dirigierte sie ganze Orchester. Dann entdeckte eine Freundin ihr komödiantisches Talent, irgendwann überraschte Manzel die Eltern mit dem Entschluss, auf die Schauspielschule zu gehen.

Sie trug den Monolog der Luise aus Schillers „Kabale und Liebe“ an der Staatlichen Schauspielschule in Ost-Berlin vor. Dabei habe sie urkomisch berlinert, wie sie in ihrem Erinnerungsband berichtet. „Hat unsre Seele nur eenmal Entsetzen jenuch in sich jetrunken, so wird dit Ooge in jedem Winkel Jespenster sehn.“ Sie wurde trotzdem genommen - und kam nach anderthalb Jahren ans Dresdner Schauspielhaus. 1983 wechselte sie an das Deutsche Theater, wo sie eng mit dem Regisseur Heiner Müller zusammenarbeitete.

Immer wieder habe sie Müller gebeten, sie auf der Bühne auch singen zu lassen. Diesen Wunsch erfüllte sich Manzel später - und kostet ihn jetzt ausgiebig aus. Koskys Vertrag geht bis 2022. Und was dann? „Nüscht“, sagt sie. Dann werde sie sich eben was anderes überlegen.

Dagmar Manzel bei der Komischen Oper

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