Zu Besuch im Pitztal: Wo mit dem Steinbock der „König der Alpen“ residiert

Ein junger Steinbock im Außengehege des Steinbockmuseums in St. Leonhard.
Ein junger Steinbock im Außengehege des Steinbockmuseums in St. Leonhard. (Foto: Christine King)
Redakteurin

Vom österreichischen Pitztal aus verbreiten sich Steinböcke seit fast 70 Jahren wieder über den gesamten Alpenraum. Mit ein bisschen Glück lassen sich die imposanten Tiere beobachten.

„Was? Jetzt?“ Der Hüttenwirt der Rüsselsheimer Hütte auf der Hohen Geige schaut die Wandergäste erstaunt an, die ihn zur Mittagszeit nach Steinböcken fragen, und weist schräg nach oben. Da hängt die Speisekarte. „Sucht euch was aus, für die wilden müsst ihr bis zur Dämmerung warten oder übernachten und morgen ganz früh raus.“

Und dann zeigt Florian Kirschner noch auf eine felsige Stelle etwa zwanzig Meter hinter der DAV-Hütte, die auf 2328 Metern liegt, „wo sie gern sind und sich mit Salz eindecken, weil sie das brauchen für ihren Haarwechsel.“ Im Sommer, erzählt er, kämen sie manchmal sogar auf die Terrasse. „Früher waren das große Rudel mit bis zu 80 Tieren“, schwärmt er, „heute ziehen sie nur noch in kleinen Gruppen herum.“

Macht einem – wie der Schwabe sagt – das Maul wässrig und speist einen dann mit Steinbockgulasch und -carpaccio ab, was zugegebenermaßen traumhaft schmeckt und durchaus entschädigt für das verpasste Naturschauspiel.

Es wäre auch zu schön gewesen, ein paar der etwa 1200 Exemplare des Königs der Berge, die derzeit im Tiroler Naturpark Kaunergrat unterwegs sein sollen, live zu sehen. Gut aufgestellt ist die gesamte Population hierzulande, vermehrt sich ordentlich und wird deshalb von der Landesjagd kontrolliert.

Natürliche Feinde hat der Steinbock, der vor allem mit der Gams um den Lebensraum konkurriert, nämlich keine – außer vielleicht Lawinen. Das war nicht immer so. Im 16. Jahrhundert sah es schlecht aus, Steinböcke wurden zu viel gejagt, galten als ausgerottet und waren – auch wegen florierender Apothekengeschäfte mit pulverisiertem Steinbockhorn – so gut wie ausgestorben.

1953 wurde ein Ansiedlungsversuch mit 13 Schweizer Tieren gestartet, der zunächst scheiterte, weil die Steinböcke keine Lust auf Reproduktion hatten. Um sich zu vermehren, mussten die eingesperrten Tiere erst einmal ausbüxen. In freier Wildbahn ging’s dann flott bergauf mit den Stückzahlen, vom Pitztal aus verbreiteten sich die Tiere schnell im gesamten Alpenraum.

Massentourismus ist ein Fremdwort

Hier, im schmalen Tal, das zum Naturpark Kaunergrat gehört, von steilen Hängen umgeben ist und an dessen Ende der Pitztaler Gletscher ruht, ist Massentourismus noch ein Fremdwort. Wanderer sind schnell ganz oben – entweder mit den Bergbahnen oder zu Fuß – und auf der Strecke oft allein. Meist beginnen die Touren dieses 40 Kilometer langen Seitentals des Inntals, das bei Imst abzweigt, bereits auf etwa 1000 Metern.

Jetzt, zur Mittagszeit, ruhen sich die Könige der Alpen vermutlich aus. „Sowieso zu warm“, weiß Kirschner. Ein donnerartiges Geräusch lässt aufhorchen. Benedikt Walser, Ranger und Wanderführer, der mit einer Gruppe Rast macht, greift zum Fernglas, richtet es auf ein Geröllfeld und gibt Entwarnung. „Das waren bloß Gämsen“, erklärt er, „Steinböcke lösen keine Steinschläge aus.“

Aber die Wanderer geben noch nicht auf, ziehen weiter nach oben, wo es kühler ist. Von der Rüsselsheimer Hütte wird der Aussichtspunkt Gahwinden in einer knappen Stunde erreicht. Aber auch hier, wo sich ein sagenhaftes Panorama auf mächtige Dreitausender wie Wild-, Verpeil- und Watzespitze bietet und sogar der Blick ins benachbarte Ötztal frei wird, ist an diesem Tag Steinbock freie Zone.

Ein Hoch auf die Steingeiß

Wer die Könige der Alpen ganz nah erleben und alles über sie erfahren will, sollte das Steinbockmuseum in St. Leonhard besuchen – auf halber Strecke zwischen Imst und ganz oben. 3,7 Millionen Euro wurden investiert, allein schon die Architektur fasziniert, ein Haus wie ein roter Fels am Hang mit einer Brücke zum Tiergehege.

Zwei Jahre ist es alt und „die Resonanz trotz Corona überwältigend“, so Ernst Partl, der Geschäftsführer des Naturparks Kaunergrat, zu dem das Pitztal gehört. 20.000 Besucher zählte man in den ersten beiden Jahren. Das Museum widmet sich nicht nur den Steinböcken, sondern auch „der wechselhaften Beziehungsgeschichte von Mensch, Kultur und Natur und sieht sich als Servicestelle für Umweltbildung.“

Ist also gleichzeitig Heimatmuseum, Ausbildungszentrum und Tierpark. Partl weiß alles über Steinböcke. Auch, dass hier eigentlich die ‚Königin der Alpen‘ auf dem Thron sitzen müsste. „Die Steingeiß kann höher springen – bis zu vier Meter, fast aus dem Stand – und schneller laufen als der Bock.“ Das weibliche Tier ist insgesamt viel beweglicher und kümmert sich außerdem um den Nachwuchs.

Doch das Frauenthema wird nicht vertieft, Partl schwenkt schnell wieder zu den Vorzügen der Männer und berichtet über die heilsame (und aphrodisierende!) Wirkung von pulverisiertem Steinbockhorn. Er kennt sogar die Zusammensetzung der Lösung. Bei einem Projekt mit der Universität Wien wurde diese nämlich wissenschaftlich untersucht.

Inzwischen ist klar: „Unsere Steinböcke sind nicht gestresst von den Besuchern.“ Zum Glück. Über eine Brücke gelangen die Besucher ins großzügige Außengehege. Sieben Steinböcke leben derzeit hier, zwei Geißen erwarten Nachwuchs.

„Bis zu 25 dürften es noch werden.“ Im Moment ruhen sich Königinnen und Könige hinter Felsbrocken aus – schließlich ist es Mittagszeit und relativ warm – und lassen sich aus zwei Meter Entfernung dabei zusehen.

Die Rüsselsheimer Hütte liegt auf 2328 Metern über Null.
Die Rüsselsheimer Hütte liegt auf 2328 Metern über Null. (Foto: Christine King)
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