Pianistin Yuja Wang kommt in die Kinos

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Yuja Wang
Die chinesische Pianistin Yuja Wang setzt aufs Tempo. (Foto: Zipi / DPA)
Esteban Engel

Wenn ihre Finger erstmal begonnen haben, über die Tastatur zu rasen, findet Yuja Wang kein Halten mehr. Die Pianistin entfacht dann einen Sturm, der sie wohl manchmal selbst überrascht.

„Maestro Petrenko hat sich schon an mein Tempo gewöhnt“, sagt die 31-Jährige nach einer Probe mit den Berliner Philharmonikern und ihrem designierten Chefdirigenten Kirill Petrenko.

Wie ihr Kollege Lang Lang gehört Wang mit ihrem gewagten Outfits und ihren Auftritten auf Stöckelschuhen zu den Klassik-Weltstars aus China, die wie selbstverständlich auch auf YouTube und Facebook unterwegs sind.

An diesem Freitag spielt sie mit den Philharmonikern Sergej Prokofjews Klavierkonzert Nr. 3. Das Konzert wird in mehr als 150 Kinos in Deutschland, Österreich, Luxemburg und der Schweiz live übertragen. In dieser Saison war sie mit den Philharmonikern bereits auf Asien-Tournee.

„Das Stück ist wie eine Rückkehr nach Hause“, sagt Wang im Gespräch. Vor zehn Jahren führte sie es mit dem Dirigenten Claudio Abbado in Luzern auf. „Dann habe ich es lange nicht mehr gespielt.“ Das Werk mit den pulsierenden Passagen und einem träumerischen Mittelteil kommt Wang zupass: „Da ist wie eine Fahrt in der Achterbahn mit viel Adrenalin im Spiel“, sagte sie. Die Tochter eines Perkussionisten und einer Ballett-Tänzerin kann hier alle Seiten ihres Talents ausspielen.

Virtuosität und atemberaubende Spieltechnik sind für Wang aber weder Selbstzweck noch „Sportübung“, wie sie sagt. „Es hat viel mit Phantasie zu tun, ich kann dabei alle meine Möglichkeiten ausprobieren.“ Schon als Kind habe ihre Lehrerin in China sie immer wieder ermahnt, nicht nur schnell zu spielen.

Von ihrem großen Vorbild Vladimir Horowitz habe sie aber dann mitbekommen, dass auch Zurückhaltung zu den musikalischen Tugenden gehöre. Nachdem sie mit den russischen Paradestücken - den Konzerten von Rachmaninow, Prokofjew und Skrjabin - bekannt wurde, hat sich Wang in den letzten Jahren den deutschen Komponisten genähert, Beethovens monumentale Hammerklaviersonate in ihr Repertoire aufgenommen, auch Brahms' erstes Klavierkonzert. „Sie drücken verschiedene Seiten meiner Persönlichkeit aus“, sagt sie.

Von den großen Konzerten bis zur Kammermusik - in Wangs Kalender ist nicht viel Platz. Heute Berlin, morgen Tokio: „Manchmal wache ich auf und weiß nicht, wo ich bin.“ Sie wohnt zwar in New York, doch in ihrem Appartement in einer 53. Etage sei sie nur selten. „Ich halte diesen Lebensrhythmus nur durch, weil ich dabei meiner Passion nachgehen kann.“

Wang begann das Klavierspielen mit sechs Jahren, ein Jahr später gab sie ihr erstes Konzert, mit 14 ging sie zum Studium nach Kanada, danach nach Philadelphia in den USA. „Ich bin ziemlich amerikanisch geworden.“ Vor allem die Pianisten Leon Fleisher und Gary Graffman unterstützten Wang als Lehrer, heute ist auch der Geiger Leonidas Kavakos, mit dem sie regelmäßig zusammenspielt, ein wichtiger Ratgeber.

Es überrasche sie deswegen, dass ihr als Chinesin manchmal nicht zugetraut werde, „westliche Musik“ zu verstehen. „Ein so engstirniges Vorurteil. Ich bin der westlichen Musik näher als der chinesischen.“ Wang fühlt sich der große Pianisten-Tradition Europas verbunden, neben Horowitz und Arthur Schnabel gehören Pianisten wie Wilhelm Kempff, Maurizio Pollini und Evgeni Kissin zu ihren Vorbildern. Als 2007 die Pianistin Martha Argerich ein Konzert absagte, sprang sie ein. Das war Yuja Wangs Durchbruch. „Musik hält mich in Bewegung“, sagt sie. Dem Klavier wolle sie mehr und mehr Geheimnisse entlocken.

Berliner Philharmoniker im Kino

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