Petzolds „Jerichow“ mit brillanter Nina Hoss

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Deutsche Presse-Agentur

Tragische Geschichten aus dem Alltag haben es Christian Petzold scheinbar angetan. Schon in „Wolfsburg“ und „Yella“ erzählte der Berliner Regisseur vom auseinander brechenden Leben seiner Protagonistinnen nach dem Tod ihres Kindes oder der Trennung von ihrem herrschsüchtigen Ehemann.

Auch sein neues Werk „Jerichow“, das im Herbst im Wettbewerb des Filmfestivals von Venedig lief, passt zu dieser Grundidee: Laura (Nina Hoss) und der Deutsch-Türke Ali (Hilmi Sözer) sind verheiratet, bis der Ex-Soldat Thomas (Benno Fürmann) dazu kommt und eine Affäre mit Laura beginnt. Schnell gerät das Leben aller Beteiligten aus den Fugen und bringt ihre dunklen Seiten zum Vorschein. Vor allem Nina Hoss brilliert in ihrer vierten Zusammenarbeit mit Petzold als Frau mit zwei Gesichtern.

Es sind spröde, raue Bilder, die der 48-jährige Petzold aus der tristen ostdeutschen Provinz zeigt. Der Film spielt in dem kleinen Ort Jerichow in Sachsen-Anhalt, gedreht wurde aber größtenteils in Brandenburg. Thomas, ein unehrenhaft entlassener Zeitsoldat kehrt für die Beerdigung seiner Mutter nach Jerichow zurück. Dort will er ihr heruntergekommenes Haus renovieren, doch das Geld dafür muss er schon bald an einen Schuldner abtreten. Da lernt er durch Zufall den erfolgreichen Geschäftsmann Ali kennen, der in der Region mehrere Imbisse betreibt. Ali bietet Thomas an, als sein Fahrer zu arbeiten. Dann kommt es, wie es kommen muss: Thomas beginnt eine Affäre mit Alis wunderschön strahlender Ehefrau Laura.

„Jerichow“ ist jedoch nicht einfach eine Dreiecksgeschichte, sondern entwickelt sich - angelehnt an den Roman „The postman always rings twice“ von James Cain - zu einem stillen, aber dramatischen Thriller um Gier, Geld und Leidenschaft. „Man kann sich nicht lieben, wenn man kein Geld hat“, lautet zuerst Lauras trostloses Fazit ihrer Affäre. Schließlich aber geben Thomas und sie sich damit nicht zufrieden. Sie wollen mehr und sind dafür sogar bereit, ein Verbrechen zu begehen. Die innere Leere der Protagonisten wird dabei durch die Weite der Provinz verbildlicht. Denn selbst wenn Laura, Thomas oder Ali ein klares Ziel vor Augen haben, heftet ihnen doch immer etwas Verlorenes und Hilfloses an, sie finden in der Gesellschaft keinen Halt.

Mit „Jerichow“ beweist Petzold wieder einmal sein Gespür für realitätsnahe Abbildungen menschlicher Zerrissenheiten. Während Vorgängerfilme wie „Yella“ dabei noch wie in einem Schwebezustand wirkten, scheint „Jerichow“ geerdeter, authentischer. Es gibt auch kein schlichtes Gut und Böse, stattdessen schält Petzold das Ambivalente seiner Figuren hervor. So kommt nach und nach Lauras dunkle Vergangenheit zum Vorschein, ebenso wie Alis zweifelhafte Beziehung zu ihr.

Besonders überzeugend wirkt „Jerichow“ allerdings wegen seiner Darsteller. Hilmi Sözer spielt keinen schemenhaft gezeichneten radebrechenden Türken, sondern einen - zumindest zu Beginn - noch ehrlichen und offenen Mann auf der Suche nach einem festen Bezugspunkt im Leben. Darüber hinaus stimmt die Chemie zwischen der überragenden Hoss und dem einzelgängerischen Fürmann so gut, dass einige intensive Szenen besonders in Erinnerung bleiben, so echt und wirklich wirken sie. Damit ist „Jerichow“ der glänzende Auftakt zu einem neuen deutschen Kinojahr.

www.jerichow-der-film.de

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