Perfekte Ernährung? Künstliche Vitamine und Nahrungsergänzungsmittel helfen nicht

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Eine Tablette über einem Glas Wasser
Künstliche Vitaminpräparate sind beliebt, ein Viertel der Deutschen nimmt sie regelmäßig ein. Laut Studien ist das aber nicht gesundheitsfördernd, sondern eher nachteilig. (Foto: Imago)
Judith Blage

Ihr Ruf ist schon mal legendär. Sie sind quasi ein Versprechen auf ewige Jugend: Antioxidantien schützen uns vor Krebs, straffen die Haut und verlangsamen das Altern. Heißt es. Außerdem sollen sie für viele Sportler unverzichtbar sein, weil sie Trainingseffekte angeblich verstärken. Kein Wunder also, dass jeder Vierte hierzulande Nahrungsergänzungsmittel schluckt, häufig mit Antioxidantien wie Vitamin E – und das in hohen Dosen.

Selbst Ärzte empfehlen die Tabletten als Nahrungsergänzung, um die Behandlung von Krebs und anderen Krankheiten zu unterstützen. Dabei sollten die Pillen besser im Drogeriemarkt bleiben. Oder in der Apotheke. Studien entzaubern gerade den Mythos der Vitaminpräparate: Die Einnahme künstlicher Antioxidantien in Pillenform sei bestenfalls wirkungslos, häufig schädlich. Sie unterdrückten sogar einige Gesundheitseffekte von Sport. Diese Erkenntnisse sind erstaunlich. Denn seit den 1950er-Jahren gilt der heilsbringende Effekt von antioxidativ wirkenden Vitaminen und Spurenelementen als nahezu gesicherte Tatsache.

Die gängige These lautet: Wir altern, weil reaktionsfreudige Molekülteile – die freien Radikale – oxidative Schäden in unseren Zellen anrichten. Freie Radikale entstehen als unvermeidliches Nebenprodukt des Stoffwechsels. Die meisten Forscher nahmen an, ungezügelte Oxidationsprozesse würden immer mehr Zellen schädigen, was Organe und schließlich die Funktionen des ganzen Körpers in Mitleidenschaft ziehe.

Einzig Antioxidantien, zu denen beispielsweise Vitamin A, C und E und das in Rotwein enthaltene Resveratrol gehören, könnten die freien Radikale einfangen und uns vor allzu großer Altersunbill schützen. Die simple Formel lautet: mehr Antioxidantien = weniger freie Radikale = langsamerer Alterungsprozess = längeres Leben. Leider scheint die Wirklichkeit nicht ganz so einfach zu sein. Studien an Tieren brachten die ersten Hinweise auf Fehler in der Theorie.

Eine Tablette über einem Glas Wasser
Künstliche Vitaminpräparate sind beliebt, ein Viertel der Deutschen nimmt sie regelmäßig ein. Laut Studien ist das aber nicht gesundheitsfördernd, sondern eher nachteilig. (Foto: Imago)

Besonders Nacktmulle sind für die Wissenschaft in Sachen Antioxidantien ein echter Glücksfall. Die schrumplig aussehenden Höhlenbewohner sind gegen Krebs offenbar immun und können ein für Nagetiere gigantisches Alter von 30 Jahren erreichen. Rochelle Buffenstein, Physiologin an der University of Texas, versucht seit 13 Jahren herauszufinden, warum das so ist.

Buffensteins Experimente ergaben, dass die Nager über weniger natürliche Antioxidantien im Körper verfügen als Mäuse, die nur etwa zwei Jahre alt werden. Außerdem häufen Nacktmulle mehr oxidative Schäden im Körper an als andere Tiere. Das erstaunte Buffenstein maßlos: Die Tiere müssten eigentlich sehr früh sterben.

Schließlich galt auch für die Forscherin bis dahin felsenfest die alte Oxidationstheorie. Der deutsche Ernährungsmediziner Michael Ristow, Professor für Energiestoffwechsel an der ETH Zürich, hält die bisher gängige Antioxidantientheorie für völlig verfehlt und ärgert sich über veraltete Empfehlungen von Ärzten. „Wäre oxidativer Stress durch freie Radikale wirklich nur schädlich, hätte ihn die Evolution schon längst beseitigt“, betont der Arzt.

Es sei zum Beispiel schon lange bekannt, dass Sport das Leben verlängere und Krankheiten wie Typ-2-Diabetes vorbeuge. „Genauso gesichert ist, dass Bewegung die Menge der freien Radikale im Körper erhöht.“ Diese beiden Tatsachen konnten Wissenschaftler bisher nur schwer zusammenbringen. Ristow selbst hat zu dem Thema einige Studien durchgeführt. In einer davon untersuchte er gemeinsam mit der Universität Leipzig 40 Menschen, die vier Wochen lang alle das gleiche Sportprogramm durchliefen. 20 Testpersonen bekamen Vitamin C und Vitamin E als Nahrungsergänzungsmittel, 20 nur ein Placebo, also ein wirkungsloses Scheinpräparat.

Die Regale im Supermarkt sind voll von Nahrungsergänzungsmitteln.
Die Regale im Supermarkt sind voll von Nahrungsergänzungsmitteln. (Foto: dpa)

„Bei den Testpersonen, die ein Placebo erhielten, war nach vier Wochen eine positive Wirkung des Sports zu sehen“, berichtet Ristow. „So war etwa der Glukosestoffwechsel deutlich verbessert, was die Entstehung von Diabetes verhindern hilft.“ Bei den Sportlern dagegen, die echte Vitamine einnahmen, war nichts davon zu beobachten. Sie bildeten zwar erwartungsgemäß weniger freie Radikale in ihren Muskeln, aber ein Teil der gesundheitsfördernden Wirkung des Sports blieb aus.

Auch internationale Studien, darunter eine norwegische vom November 2014, brachten dieses Ergebnis. Sind die freien Radikale, die durch oxidativen Stress im Stoffwechsel entstehen, also doch keine Sargnägel? „In Maßen sogar das Gegenteil“, argumentiert Ristow. „Freie Radikale können lebensverlängernd wirken, als eine Art Impfung gegen besonders großen oxidativen Stress.“ Deshalb sei maßvoller Sport so außerordentlich gesund – und die Einnahme von Antioxidantien wie Vitamin E und A in künstlicher Form eher schädlich. Denn wenn oxidativer Stress in geringer Dosis gesundheitsfördernd sein kann, bedeutet das im Umkehrschluss, dass Antioxidantien die positive Wirkung unterdrücken können. Ristow beklagt, dass dies alles schon jahrelang bekannt sei, und dennoch sind Vitamintabletten und -pülverchen immer noch sehr populär.

„Es ist tragisch, dass ausgerechnet Tumorpatienten oft die Einnahme von Nahrungssupplementen empfohlen wird“, warnt Ristow. Denn diese Stoffe könnten die Wirksamkeit von Chemotherapie und Bestrahlung beeinträchtigen, so der Ernährungsmediziner. Krebspatienten lebten durch eine zusätzliche Antioxidantiengabe nachweislich kürzer als ohne. Auch gesunden Menschen empfiehlt Ristow, keine künstlichen Vitamine einzunehmen. Lediglich Folsäure für gebärfähige Frauen und Vitamin D für Menschen in höherem Alter hält er für sinnvoll. „Aber auch das sollte man von Ärzten abklären lassen.“

Sportdrinks und Fertigprodukte enthalten oft zugesetzte Vitamine. „Ich vermute sogar, dass die Antioxidantientheorie immer noch so populär ist, weil die Lebensmittelindustrie einen Nutzen davon hat“, sagt Ristow. Denn Vitamin C oder E zum Beispiel wirken konservierend. Und es sei doch praktisch, wenn man bei einem Fertigprodukt auch noch werben könne, wie gesund das Konservierungsmittel ist. Dass Obst und Gemüse ausgesprochen wichtig für die Gesundheit sind, ist hingegen weiterhin unbestritten.

Vitamine und sekundäre Pflanzenstoffe sind gesund – wenn sie in Lebensmitteln stecken, wie etwa in Heidelbeeren.
Vitamine und sekundäre Pflanzenstoffe sind gesund – wenn sie in Lebensmitteln stecken, wie etwa in Heidelbeeren. (Foto: dpa)

„Der Körper braucht Vitamine, und sekundäre Pflanzenstoffe tun ihm gut – sofern wir sie in Lebensmitteln zu uns nehmen“, sagt Regina Brigelius-Flohé, ehemalige Abteilungsleiterin am Deutschen Institut für Ernährungsforschung Potsdam. Denn durch die natürliche Nahrung nimmt der Körper Antioxidantien gleichzeitig mit anderen Stoffen auf – so kann er sie richtig nutzen. Viele Gemüsesorten enthalten mehr als 400 Inhaltsstoffe, die wichtig für den menschlichen Körper sind.

Um den Nutzen von Nahrungsergänzungsmitteln für die Gesundheit grundsätzlich zu ermitteln, haben Forscher in den vergangenen Jahren Hunderte von Studien durchgeführt. Eine schwierige Aufgabe. Unter anderem deshalb, weil eindeutige Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge wegen der vielen Einflüsse auf Krankheit und Gesundheit kaum zu ermitteln sind. Und weil die Ernährung einzelner Studienteilnehmer schwer zu kontrollieren und zu überwachen ist. Zusammengenommen sind die Ergebnisse der Studien dennoch ernüchternd: Die Mehrzahl der Untersuchungen zeigt, dass die Einnahmen von Nahrungsergänzungsmitteln nicht vergleichbar ist mit der Zufuhr entsprechender Substanzen in Lebensmitteln. Einen Zusatznutzen zu einer gewöhnlichen und bedarfsdeckenden Ernährung fand man gar nicht.

Vertrauen Sie Ihrem Körper. Er kommt mit sehr vielen Problemen bestens allein zurecht.

Professorin Regina Brigelius-Flohé

In einigen Fällen können die Mittel sogar die Gesundheit gefährden: Die fettlöslichen Vitamine A und D in Form von Nahrungsergänzungsmitteln sind schnell überdosiert, weil der Körper sie nicht einfach so wie die wasserlöslichen wieder ausscheiden kann. Vitamin D-Präparate im Handel beinhalten oft viel zu hohe Mengen des Vitamins, warnt auch die Stiftung Warentest.

Die Professorin Regina Brigelius-Flohé hat fast ihr gesamtes Leben an dem Thema gearbeitet. „Wenn ich eines in meinen vielen Forschungsjahren gelernt habe“, sagt sie, „dann das: Vertrauen Sie Ihrem Körper. Er kommt mit sehr vielen Problemen bestens allein zurecht.“ Ihr Rat ist simpel: einfach auf den eigenen Appetit hören und das essen, wonach der Körper verlangt. Warum wir altern, weiß Brigelius-Flohé auch nicht. „Ehrlich gesagt, tappen wir da noch ziemlich im Dunkeln“, gibt die Forscherin zu. Die einzigen Tipps, die man derzeit geben könne, seien: in der Kälte leben – und hungern. Beides verlangsamt den Stoffwechsel und damit die Alterung. „Aber das macht nun wirklich keinen Spaß.“

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