Paul Maar reimt auch im Privatleben

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Paul Maar
Federleichte Fabulierkunst: Der Autor und Illustrator Paul Maar wird 80. (Foto: Gregor Fischer / DPA)
Deutsche Presse-Agentur

Schriftsteller und „Sams“-Erfinder Paul Maar ist ein echter Reim-Meister. Der Autor, der am Mittwoch (13.12.) seinen 80. Geburtstag feiert, schmiedet auch im Privatleben gerne Verse.

„Da gehe ich meiner Frau manchmal auf die Nerven“, sagte Maar im Interview der Deutschen Presse-Agentur in Berlin. „Wenn ich dann schon morgens beim Kaffeetrinken reime: Die Brötchen liegen auf dem Tisch, ich hoffe sehr, sie sind auch frisch!“

Frage: Bei Herrn Taschenbier gibt es im neuen Buch „Das Sams feiert Weihnachten“ ganz bestimmte Traditionen - unter anderem bereitet er mit dem Sams einen Weihnachtssalat zu, in den Kartoffeln, Äpfel, Walnüsse, Rote Bete und Gürkchen hineinkommen. Gab es in Ihrer Familie Weihnachtstraditionen, die ähnlich sind wie im Buch?

Antwort: Das beschreibt mein Weihnachten. Aber eigentlich erst seitdem ich verheiratet bin. Meine Schwiegermutter stammt aus Ostpreußen, aus einem Ort, der heute polnisch ist. Bei meinen Schwiegereltern gab es zu Weihnachten immer den sogenannten polnischen Salat - und das ist genau der, den ich im Buch Herrn Taschenbier zubereiten lasse. Und noch heute ist der Weihnachtssalat bei uns Tradition.

Frage: Gibt es noch andere Weihnachtstraditionen in Ihrer Familie?

Antwort: Ich wohne eigentlich in Bamberg, in der Altstadt in einer engen Straße. Da ist immer was los bei uns. Freunde kommen vorbei, das Telefon klingelt ständig, ein Buchhändler möchte eine Lesung und so weiter. Wenn ich schreiben will, dann kann ich dort eigentlich nicht schreiben. Ich brauche so eine tiefe Konzentration, da darf nicht zwischendurch das Telefon klingeln. Deswegen ziehe ich mich immer zurück in einen kleinen Ort in Franken. Birkenfeld heißt er. Dort gibt es eigentlich nur ein Schloss und drumherum nicht viele Häuser. Dort am Ende des Ortes haben wir schon seit fast 20 Jahren ein Häuschen gemietet, eine ehemalige Orangerie des Schlosses. Und dahin ziehe ich mich zum Schreiben zurück. Ich habe dort einen riesigen Tisch, wo ich meine Farben ausbreiten kann und die fertigen Illustrationen nebeneinander hinlegen kann.

Jetzt habe ich ganz weit ausgeholt. Aber ich wollte sagen: In diesem Haus feiern wir immer alle zusammen Weihnachten - meine Frau, meine Kinder und meine Enkelkinder. Im Schloss nebenan gibt es noch einen Förster, der holt uns dann aus dem Wald einen drei Meter hohen Christbaum. Da kann man dann auch Weihnachtsmusik machen. Mein Enkel spielt Klarinette, meine Enkelin spielt Klavier, die übrigen singen.

Frage: Sie illustrieren sonst Ihre Bücher selbst. Die Bilder zum neuen „Sams“-Band und auch zu den Neuausgaben der älteren „Sams“-Geschichten stammen von Nina Dulleck. Ist es Ihnen schwer gefallen, die Verantwortung abzugeben?

Antwort: Ja und nein. Der Verlag sagte: Ihre Bücher sind ja alle schwarz-weiß illustriert. Aber inzwischen ist die Drucktechnik so weit fortgeschritten, dass es gar nicht teurer ist, wenn man in Farbe druckt. Die heutigen Kinder sind es einfach gewohnt, dass die Bilder in Büchern farbig sind. Immerhin acht „Sams“-Bücher sollen jetzt farbig illustriert werden. Und wenn in einem Buch durchschnittlich 60 Illustrationen sind, dann habe ich - wenn ich für eine Illustration einen halben Nachmittag brauche - ungefähr bis an mein Lebensende zu tun (lacht), um alle „Sams“-Bücher farbig zu machen. Da habe ich gesagt: Ich schreibe viel lieber eine neue Geschichte.

Frage: Das „neue“ Sams sieht ja schon etwas anders aus als das „alte“ Sams...

Antwort: Es war für mich erst ein bisschen gewöhnungsbedürftig. Das gebe ich zu.

Frage: Wird die „Sams“-Erfolgsgeschichte nach dem Weihnachts-„Sams“ fortsetzt?

Antwort: Ich habe fast nach jedem „Sams“-Buch gesagt, das ist das letzte gewesen. Wenn ich das jetzt wieder sage, dann meine ich im Moment noch, dass es wirklich das letzte ist. Aber es ist zweischneidig. Die „Sams“-Bücher wurde so oft verkauft und der Erfolg beschert mir ein schönes Leben. Ich muss mir keine Sorgen um die Miete machen. Das habe ich dem Sams zu verdanken. Auf der anderen Seite ist es so: Ich habe mindestens 40, 50 Bücher geschrieben. Aber wo ich auch hinkomme, ich werde vorgestellt als der „Sams“-Autor. Selbst meine Tochter Anne, die selbst Bücher schreibt, wird als Tochter des „Sams“-Autors vorgestellt. Da ärgert sie sich dann immer.

Frage: Zu Ihren bekanntesten Büchern gehört der Lyrik-Band „Jaguar und Neinguar“ und auch das Sams („Da bin ich gespannt wie ein Gummiband“) ist ja ein echter Reim-Meister. Wie ist das bei Ihnen im täglichen Leben, reimen Sie sich da auch durch den Tag?

Antwort: Ab und zu schon. Da gehe ich meiner Frau manchmal auf die Nerven. Wenn ich dann schon morgens beim Kaffeetrinken reime: Die Brötchen liegen auf dem Tisch, ich hoffe sehr, sie sind auch frisch! Dann sagt sie: Kannst du nicht mal normal reden?! Es macht mir schon Spaß, Verse zu erfinden.

Frage: Hätten Sie selbst gerne ein Sams?

Antwort: Nein, ich glaube, so ein Sams würde mir auf die Nerven gehen. Gut, natürlich hätte das Sams dann Wunschpunkte und ich könnte mir etwas wünschen. Aber im Moment hätte ich gar keinen Wunsch, das ist das Erstaunliche.

Frage: Der zurückhaltende, sensible „Lippel“ ist die Romanfigur, mit der Sie sich am meisten identifizieren...

Antwort: Das bin ich in meiner Kindheit. Ich war so ein Träumer.

Frage: Sie hatten keine so glückliche Kindheit. War die Träumerei da auch eine Flucht aus der Realität?

Antwort: Es war eine Flucht in Geschichten und in Fantasien. Da hat man die etwas unheile Welt um einen herum vergessen können.

Frage: Erinnern Sie sich noch an Ihr erstes Buch, das Sie gelesen haben?

Antwort: Das war so ziemlich das einzige Kinderbuch, das ich hatte: „Die Indianergeschichte“, geschrieben von Gerhart Drabsch und mit Holzschnitten von Alfred Zacharias. Und die Bilder haben mich fast noch mehr fasziniert als die Geschichte. Weil es damals in der Nachkriegszeit kein Papier gab, habe ich die weißen Ränder unserer Zeitung von oben bis unten und von links nach rechts mit Figuren aus dem Buch bemalt.

Frage: Lesen war in Ihrer Familie aber gar nicht so erwünscht, oder?

Antwort: Mein Vater hat nicht gesagt: Du darfst nicht lesen. Aber wenn er mich mit einem Buch gesehen hat, meinte er: Du hast wohl nichts zu tun. Für ihn war körperliche Arbeit das A und O. Lesen war Zeitverschwendung.

Frage: In Ihren Büchern bewegen sich Fantasiefiguren wie das Sams zwischen Menschen aus unserer realen Welt. Viele andere Kinder- und Jugendbücher spielen in komplett fantastischen Welten. Warum gibt es so eine Flut von Fantasy-Büchern?

Antwort: Das hat mit „Harry Potter“ angefangen. Viele Autoren hatten das Gefühl, ein Erfolgsrezept gefunden haben, und schrieben auch Fantasybücher. Auf der anderen Seite scheint es auch ein Bedürfnis zu geben, dem doch sehr durchstrukturierten Schul- oder Arbeitsalltag zu entfliehen und in völlig andere Welten abzutauchen.

Frage: Schreiben Sie schon am nächsten Buch?

Antwort: Ja. Das neue Buch heißt „Snuffi Hartenstein“ und wird im nächsten Jahr erscheinen. Das ist der Name eines unsichtbaren Hundes, der als einziger unsichtbarer Hund nicht nur einen Vornamen, sondern auch einen Familiennamen hat. Von seinem heranwachsenden Jungen wird Snuffi eines Tages weggeschickt. Und der Hund findet sich auf einer völlig weißen Buch-Seite wieder und weiß nicht, wo er ist. Zuerst ist er völlig verzweifelt. Dann sagt er sich: Der Junge hat sich mich vorgestellt und dann gab es mich. Vielleicht kann ich das auch. Ich stelle mir jetzt eine Wiese vor. Und dann erscheint auf dem nächsten Blatt eine grüne Wiese...

Frage: Wie werden Sie Ihren Geburtstag verbringen?

Antwort: Wir werden nur mit der Großfamilie in Birkenfeld feiern.

ZUR PERSON: Paul Maar wurde am 13. Dezember 1937 in Schweinfurt geboren und lebt heute überwiegend in Bamberg. Herr Bello, das kleine Känguru, der Galimat und der tätowierte Hund gehören zum Figurenkosmos des Schriftstellers. Maars berühmtester Charakter aber ist das Sams - ein rotzfreches, reimendes Wesen mit Rüsselnase und Wunschpunkten im Gesicht, das beim schüchternen Herrn Taschenbier einzieht. Die Sams-Bücher wurden im deutschsprachigen Raum nach Verlagsangaben fast fünf Millionen Mal verkauft. Im Ausland wird das Sams vor allem in China, Russland, Japan und Südkorea geliebt.

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