Paris will gegen den Wildwuchs der E-Scooter vorgehen

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Können diese harmlos aussehenden Geräte böse sein? In Paris haben Bürger und Stadtverwaltung mit E-Scootern wie dem Lime.S Elect
Können diese harmlos aussehenden Geräte böse sein? In Paris haben Bürger und Stadtverwaltung mit E-Scootern wie dem Lime.S Electric ungute Erfahrungen gemacht. (Foto: Imago Images)

Sie kurven um die Fußgänger auf den Gehwegen herum, schneiden den Radlern den Weg ab und rollen auf der Busspur voran. Die elektrischen Tretroller gehören seit dem vergangenen Jahr zum Stadtbild von Paris. Mehr noch: Die Seine-Metropole ist zur Hauptstadt der „Trottinettes“ geworden. Das Stadtzentrum, wo alle Sehenswürdigkeiten dicht beieinanderliegen, bietet sich für E-Rollerfahrer geradezu an. Die neuen fahrbaren Untersätze, die jetzt auch in Deutschland für den Straßenverkehr zugelassen werden sollen, haben auf der anderen Seite des Rheins schon alle Freiheiten. Sehr zum Leidwesen der Fußgänger und anderen Verkehrsteilnehmer, die sich von den E-Scootern regelrecht überrollt fühlen. „Das ist der Wilde Westen“, zitiert „Le Monde“ den stellvertretenden Pariser Bürgermeister Emmanuel Grégoire.

Trottinettes an jeder Ecke

Neun verschiedene Unternehmen bieten die Trottinettes, die an jeder Ecke per Smartphone verfügbar sind, inzwischen zum Sharing an. Nicht nur Touristen, sondern auch Pariser setzen auf die Minifahrzeuge, die ihnen auf Kurzstrecken die überfüllte Metro ersparen und sie schneller von A nach B bringen als das Auto. Einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Odoxa zufolge haben elf Prozent der Pariser die rollenden Untersätze mit Elektromotor bereits getestet. Jeder vierte Hauptstadtbewohner kann sich vorstellen, einen E-Roller zu benutzen, der im Gegensatz zum Auto nicht die Luft verpestet und jeden Stau elegant umkurvt.

Allerdings haben die Kick-Scooter, die einen Euro Ausleihgebühr und 15 Cent pro Minute kosten, auch einen dicken Nachteil. Sie sind gefährlich für die völlig ungeschützten Fahrer und alle, denen sie mit einem Tempo von 25 Stundenkilometern begegnen. Fünf Tote und 284 Verletzte zählte die Statistik 2018 durch die neuen elektrischen Fortbewegungsmittel auf zwei Rädern – ein Plus von 23 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Dazu kommt das, was die Zahlen nicht sagen: Oft liegen die E-Roller nach der Spritztour verlassen mitten auf dem Gehweg oder hängen verbeult in einem Fahrradständer. Denn Regeln zum Abstellen der Gefährte gibt es nicht.

Ordnung schaffen

Die Stadtverwaltung von Paris will nun etwas Ordnung in das rollende Chaos bringen. So sollen spezielle Parkplätze geschaffen werden, auf denen die Leihscooter abgestellt werden müssen. Außerdem verhandeln Vertreter der sozialistischen Bürgermeisterin Anne Hidalgo seit Monaten mit dem größten Anbieter Lime über eine Charta, die Leitlinien für die Nutzung festlegen soll.

Auch in die Straßenverkehrsordnung sollen die neuen Fortbewegungsmittel aufgenommen werden. Ein Verbot, mit dem E-Roller auf dem Gehweg zu fahren, kündigte Verkehrsministerin Elisabeth Borne bereits an. „Wir können keine Fahrzeuge mit 20 oder 30 Stundenkilometern erlauben, die die Sicherheit der Fußgänger auf den Trottoirs in Gefahr bringen.“ Ärzte fordern außerdem eine Helmpflicht für den E-Scooter, der immerhin so schnell ist wie ein galoppierendes Pferd. „Wer würde sich ohne Helm auf ein Pferd im Galopp setzen?“, fragte der Orthopäde Alain Sautet im Radiosender France Inter.

Eine Erfolgsgeschichte

Trotz der Probleme sind die E-Roller bisher eine Erfolgsgeschichte. Zwei Millionen Fahrten und 315 000 Nutzer zählte der Weltmarktführer Lime innerhalb von sechs Monaten in Paris. Das US-Unternehmen war das erste, das sich an der Seine niederließ und damit den Boom entfachte. Insgesamt sollen rund 15 000 elektrische Motorroller, Trottinettes und E-Bikes auf den Pariser Straßen unterwegs sein.

Damit der Wildwuchs nicht so weitergeht, sollen die Anbieter allerdings demnächst zur Kasse gebeten werden. Die Stadt Paris will von den Firmen, die weniger als 500 Roller vermieten, 50 Euro pro Jahr und Gerät verlangen. Bei mehr als 3000 Rollern steigt die Gebühr dann auf 65 Euro. Bürgermeisterin Hidalgo hat sich zwar eine abgasfreie Mobilität auf die Fahnen geschrieben, ein Durcheinander auf zwei Rädern kann sie in der Hauptstadt, wo im nächsten Jahr gewählt wird, aber nicht gebrauchen.

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