Oscars wollen düsterer Stimmung trotzen

Lesedauer: 6 Min
Deutsche Presse-Agentur

Es wird ein Kampf David gegen Goliath: Bei der diesjährigen Oscar-Verleihung fordert das unabhängig produzierte Sozialdrama „Slumdog Millionär“ den aufwändigen Hollywoodstreifen „Der seltsame Fall des Benjamin Button“ heraus.

Keine 15 Millionen Dollar hat der eine Film gekostet, 150 Millionen der andere. Und die Geschichten könnten kaum unterschiedlicher sein. Gerade darum wird das Kopf-an-Kopf-Rennen bei der Gala an diesem Sonntagabend (Montag ab 2 Uhr MEZ) mit besonderer Spannung erwartet.

„Slumdog“ ist insgesamt zehnmal nominiert, „Benjamin Button“ geht mit 13 Nominierungen als Favorit an den Start. Der Film von Regisseur David Fincher um einen Mann, der als Greis zur Welt kommt und im Laufe seines Lebens immer jünger wird, hat die Kritik als eindringliches Gesamtkunstwerk im klassischen Hollywood-Stil überzeugt. Als Hauptdarsteller in der auch technisch meisterhaften Adaption einer Kurzgeschichte von US-Schriftsteller F. Scott Fitzgerald brillieren Brad Pitt und Cate Blanchett („Elizabeth“).

„Slumdog Millionär“ kann dagegen nicht mit großen Namen aus der Traumfabrik aufwarten. Der britische Regisseur Danny Boyle, seit seinem Meisterwerk „Trainspotting“ ein Garant für ungewöhnliches Kino, hat seine Darsteller fast ausnahmslos in Indien angeheuert und dort unter schwierigsten Bedingungen gedreht. Sein Liebesmärchen über einen bitterarmen Jungen aus den indischen Slums, der in einem TV- Quiz den Millionenpreis gewinnt, ist ein berauschendes Fest für die Sinne, ohne den Blick auf Elend und Armut zu verstellen.

Sowohl bei den Golden Globes wie auch bei den renommierten britischen Filmpreisen konnte „Slumdog“ bereits kräftig absahnen. Die Auguren in Hollywood rechnen damit, dass auch manch Oscar-Juror im Bemühen um „political correctness“ eher dem indischen Sozialdrama als der zeitlosen Lebensgeschichte von Benjamin Button den Zuschlag gibt.

In der Königskategorie Bester Film mischen zudem die beiden Politikerdramen „Frost/Nixon“ und „Milk“ sowie die Bestselleradaption „Der Vorleser“ nach dem Roman des deutschen Autors Bernhard Schlink mit. Bis auf diese ungewöhnliche Liebesgeschichte, die sich mit dem Holocaust auseinandersetzt, zeichnen sich die nominierten Filme durch einen auffallend optimistischen Grundton aus.

Das war im vergangenen Jahr ganz anders. Mit dem schließlich siegreichen Thriller „No Country for Old Men“ und dem harten Kapitalismusdrama „There Will Be Blood“ dominierten düstere, gewalttätige Geschichten den Wettbewerb. Die „New York Times“ sieht die neuen Töne auch als Antwort auf die angespannte Wirtschaftslage: In schwierigen Zeiten sehnten sich die Menschen eher nach guten Botschaften.

Mit geheimnisvoll angekündigten Neuerungen für die Show hoffen auch die Oscar-Veranstalter selbst auf bessere Zeiten. Im vergangenen Jahr hatten mit 32 Millionen Fernsehzuschauern so wenige Menschen wie noch nie die Gala am Bildschirm verfolgt. Der federführende Sender ABC musste seine Preise für einen 30-Sekunden-Spot während der „Nacht der Nächte“ von 1,7 Millionen Dollar auf jetzt 1,4 Millionen Dollar senken.

Als Publikumsmagneten haben die Darstellerpreise deshalb ein besonderes Gewicht. Angeführt wird die Prominentenliste von Hollywoods Traumpaar „Brangelina“: Während Brad Pitt auf einen Oscar für „Benjamin Button“ hofft, ist Angelina Jolie für ihre Rolle als verzweifelte Mutter in Clint Eastwoods Entführungsdrama „Der fremde Sohn“ vorgeschlagen.

Ebenfalls als beste Hauptdarstellerinnen im Rennen sind Kate Winslet („Der Vorleser“), Anne Hathaway („Rachel Getting Married“), Melissa Leo („Frozen River“) und Superstar Meryl Streep („Glaubensfrage“), die damit - kaum zu fassen - zum 15. Mal für die höchste Filmehre der Welt nominiert wurde.

Während es bei den Frauen keine klare Favoritin gibt, steht bei den Männern ein Zweikampf an. Zwar sind neben Brad Pitt auch Frank Langella („Frost/Nixon“) und Richard Jenkins („The Visitor“) nominiert, doch Insider spekulieren, dass die Entscheidung zwischen Sean Penn und Mickey Rourke fallen dürfte.

Penn setzt in „Milk“ mit der Verkörperung des charismatischen Politikers Harvey Milk dem Idol der Schwulenbewegung ein wunderbares Denkmal. Rourke spielt als heruntergekommener Catcher in „The Wrestler“ genial mit seiner eigenen schwierigen Biografie.

Nur ein einziger Preisträger steht schon so gut wie fest: Dass der 2008 im Alter von 28 Jahren gestorbene Schauspieler Heath Ledger für seinen Auftritt in dem Batman-Blockbuster „The Dark Knight“ posthum mit einem Nebenrollen-Oscar geehrt wird, gilt in Hollywood als ausgemachte Sache.

www.oscars.org

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen