Oscar-Segen für romantisches Sozialmärchen

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Deutsche Presse-Agentur

Die Kinder aus den Armenvierteln von Bombay fallen sich in die Arme, lachen und tanzen. Dass ihr Film „Slumdog Millionär“ bei der Oscar-Verleihung dermaßen spektakulär absahnt, hätten sie sich vor wenigen Wochen nicht träumen lassen.

Der britische Regisseur Danny Boyle („Trainspotting“) hatte seine kleinen indischen Laiendarsteller, die daheim zum Teil in erbärmlichen Verhältnissen in Bretterbuden und an Bahngleisen leben, für die Preisverleihung in der Nacht auf Montag eigens ins glitzernde Hollywood geholt.

„Das war unsere beste Idee, die Kinder haben totalen Spaß“, freut sich Drehbuchautor Simon Beaufoy. Dazu dürfte auch die pfiffige Präsentation der einst verstaubten Show beigetragen haben, die der australische Schauspieler Hugh Jackman, vom „People“-Magazin zum „Sexiest Man Alive“ erkoren, im ehrwürdigen Kodak Theatre abzog.

Mit den acht Preisen für das Außenseiterdrama „Slumdog Millionär“ setzte die Oscar-Akademie wieder ein Signal für kleine, innovative und mutige Filme - und ließ die großen, klassischen Hollywood-Streifen alt aussehen. Boyles Liebesgeschichte über einen bitterarmen indischen Jungen, der bei einem Fernsehquiz die Millionenfrage gewinnt, hat nur 15 Millionen Dollar gekostet und hätte es aus Geldnot fast nicht auf die Leinwand gebracht. „Wir haben eine ungewöhnliche Reise hinter uns“, sagt Produzent Christian Colson bewegt, als er die begehrte Trophäe aus der Hand von Starregisseur Steven Spielberg in Empfang nimmt.

Der eigentliche Favorit des Rennens, der mit zehnmal soviel Geld inszenierte Film „Der seltsame Fall des Benjamin Button“ ging trotz der Rekordzahl von 13 Nominierungen mit drei mageren Oscars vom Platz - ein schwerer Schlag für die brillant, aber eben eher traditionell gemachte Literaturadaption. Selbst Superstar Brad Pitt musste für seine Hauptrolle eines Mannes, der als winziger Greis auf die Welt kommt und im Laufe seines Lebens immer jünger wird, auf eine Auszeichnung verzichten. Doppeltes Familienpech: Auch Lebensgefährtin Angelina Jolie konnte sich mit dem Entführungsdrama „Der fremde Sohn“ nicht durchsetzen.

Jubel und Tränen dafür bei Kate Winslet. Die 33-jährige Britin durfte nach sechs Nominierungen endlich, endlich für ihre Rolle in der Holocaust-Geschichte „Der Vorleser“ den Goldjungen ans Herz drücken. „Gewinnen ist wirklich sehr viel schöner als verlieren“, sagte sie nach der Preisverleihung vor Journalisten, immer noch mit Tränen in den Augen. Vor den handverlesenen Gästen der Gala gestand sie, schon mit acht Jahren vor dem Spiegel die Entgegennahme des Preises geübt zu haben - damals musste allerdings noch eine Shampoo-Flasche als Oscar herhalten.

Als besten männlichen Hauptdarsteller hätten viele Kritiker gern den einstigen „bad guy“ Mickey Rourke gesehen, der mit seinem Film „The Wrestler“ ein tief berührendes Comeback hinlegt. Nicht weniger verdient erntete aber Sean Penn die Trophäe für seinen Auftritt als charismatischer Schwulen-Politiker Harvey Milk in dem Polit-Drama „Milk“. „Mickey Rourke ist wieder da und er ist mein Bruder“, sagte Penn. Aber das dürfte den im weißen Jackett geschniegelt und gespornt erschienenen Rourke nicht wirklich getröstet haben.

Tränen gab es auch, als der im vergangenen Jahr mit 28 Jahren an einer Überdosis Schmerzmittel gestorbene Heath Ledger posthum mit einem Nebenrollen-Oscar für seinen Auftritt als Joker im Batman-Streifen „The Dark Knight“ geehrt wurde. „Wir wünschten uns wirklich, Du wärst hier“, sagte seine Schwester Kate, „aber wir nehmen diesen Preis stolz an Stelle Deiner wunderbaren Tochter Matilda an.“

Einen eigenen Oscar hätte sich eigentlich Moderator Jackman verdient. Der 40-Jährige hatte angekündigt, betrunken und nackt zu tanzen. „Das ist unser neuer Stil, die australische Art“, flachste er im Vorfeld. Auch wenn er dieses Versprechen nicht einhielt, so stellte er doch mit dem neu angeheuerten Produzententeam Laurence Mark und Bill Condon im Bemühen um bessere Zuschauerzahlen eine fetzige, freche Show auf die Beine. Die Musik von „Slumdog Millionär“ ließ immer wieder die geheimnisvolle Faszination dieses Films anklingen. Der neue Oscar-Preisträger Danny Boyle bedankte sich standesgemäß: „Ich weiß ja nicht, wie es am Fernsehen rüberkommt, aber hier im Raum ist es wirklich supergut.“

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